Memory Monday – From Past To Now

frompasttonow2015Montag für Montag werfe ich auf Facebook den Fluxkomensator an, staube die Datumsanzeige ab und blättere in meinem Fotoalbum der vergangenen Jahre rückwärts. Manchmal nur ein paar Jahre, manchmal ein ganzes Jahrzehnt, dorthin zurück wo die Welt noch rosarot war oder auch tief grau. Gestern ging es mit dem imaginären 85er DeLorean ins Jahr 2010 zurück. Landeziel: Luftschiffhafen Potsdam.

Nachdem ich mich im Sommer 2009 beinahe vom Laufen verabschieden wollte und meine Spikes und Laufschuhe erst einmal ein schattiges Plätzchen in irgendeiner Ecke zwischen Warendorf und Berlin einnehmen mussten und ich unweit unserer jetzigen Wohnung mein zweites Zuhause aufschlug, packte mich 2010 doch noch einmal das Fieber, die Lust, dieses unstillbare Verlangen. Jeder von uns kennt es, wenn es juckt, man sich aber nicht kratzen kann oder darf und man das Gefühl hat, im nächsten Moment zu explodieren, wenn man nicht nachgibt.

Da war es also hin mein Vorhaben nur noch für wollherr.com zu starten und Meisterschaften links liegen zu lassen, weil es mich endlich wieder juckte, von den Spikes bis unter die Mütze.

Also kratze ich.

Kurzerhand stellte ich mich in Potsdam bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften an die Startlinie über 3000m Hindernis und fuhr als „Ausländer“ unter den Berlinern meinen ersten Titel ein. Mit 9:17min weit über meiner Bestzeit, aber nach meiner neuen Zeitrechnung voll im Soll meiner Erwartungen. Und es juckte mich danach noch mehr.

Also kratze ich weiter.

Als ich dann wenige Wochen später bei den Norddeutschen Meisterschaften in Lichterfeld die damaligen DM-Norm von 9:05min in 9:06min knapp verpasste, passierte etwas, was ich zuvor nicht von mir kannte: nicht dabei zu sein, kratzte mich nicht und dennoch juckte es weiter. Ich wusste, dass ich jetzt wieder auf meinem Weg bin und ich mein Laufgefühl nicht von Normen abhängig machen werde, die irgendwelche Fettsäcke von Funktionären in ihren speckigen Bürostühlen aufs Papier geschmiert haben.

Ohne das Rennen in Potsdam damals, hätte ich nie meinen Mut zur Lücke wieder entdeckt. Ohne das Rennen in Lichterfeld, hätte ich ein Jahr später keine der Bestzeiten von 800 bis zum Marathon aufstellen können.

Es ist an der Zeit aufzubrechen und auszubrechen und weiter zu kratzen.

From PAST to NOW

Maik

4 Beine und ein stolzes Lächeln / DIY – Made by Wedding

auf eigenen BeinenStrahlende Kinderaugen untermalt von einem Grinsen über beide Ohren, dem man schon beim Hingucken abliest, dass so ein Lächeln kräftigen Mundwinkelmuskelkater nach sich zieht.

Und das mit Recht.

Insgesamt 4 Freitage haben acht meiner Hortgruppenkinder (vier Mädchen und vier Jungen) an ihrem Möbelstück unter dem Arbeitstitel „Ein Geburtstagsthron für die Räuber“ gearbeitet, bis sie gestern Nachmittag kurz vor Feierabend die letzte Schraube im Werkraum festzogen. Von der Idee zu den ersten Skizzen bis hin zur Umsetzung und Vollendung dieses DIY – Upcycling Projekts (Do It Yourself) hatten die Kids den Zimmermannshut auf, während ich versucht habe möglichst viele blaue Daumen und abgeschnittene Fingerkuppen zu vermeiden, zu unterstützen und aufzupassen, dass am Ende alles möglichst an der richtigen Stelle verschraubt wird.

IMG_20150522_160949Alles begann mit einer kurzen aber doch explosiven Brainstormingrunde, in der die 6 bis 8 Jahre alten Kinder ihre Ideen sammelten und sich letztendlich darauf einigten, einen Stuhl zu zimmern, auf dem das Geburtstagskind der „Räuber-Gruppe“ in Zukunft Platz nehmen darf. Grundsatzfragen wie z.B. „Wie viele Beine hat eigentlich ein Stuhl?“ und „Brauchen wir eine Rückenlehne?“ wurden vorweg geklärt, bevor der Stuhl in seiner Ursprungsform skizziert wurde. Schnell trafen sich die Kinder auf einem Nenner und erste Wünsche wurden laut wie z.B. „eine Krone soll oben drauf“ und „Armlehnen soll er auch haben“. Doch bevor sie den Bleistift gegen den Hammer tauschen konnten, wurde erst noch eine Materialliste erstellt und eine weitere Frage in den Werkraum geworfen:

„wo kriegen wir all das Holz her?“

IMG_20150522_160843Von „aus dem Wald“ bis hin zum „na aus dem Baumarkt“ waren alle Varianten dabei, bis ein Kind auf die zwei Einwegpaletten auf der Werkbank verwies, die ich zuvor beim Obsthändler besorgt hatte.

Holz von der Straße, umsonst, kostenlos und für lau.

Nach einer kurzen Einführung in Punkto Arbeitssicherheit, hatte dann aus Sicht der Kinder mein unsägliches Rumgelaber endlich ein Ende und aus „wann können wir endlich anfangen?“ wurde lautes Hämmern. Die Reihenfolge ist einfach:

Paletten zerlegen, Nägel rausschlagen, Tränen wegwischen, weil doch der Daumen unter den Hammer kam und erste Bretter abfeilen.

Ende des ersten Werkstatttages,

IMG_20150522_160832Zum zweiten Freitag brachte ich Stichsäge, Schwingschleifer und Akkubohrer mit, nachdem wir das erste Projekt „Sitzbank“ komplett mit Fuchsschwanz, Armkraft und Nägel zusammen gezimmert haben. Wenige Wochen später verzog sich das Holz in der Wärme und die glatten Nägel waren schneller wieder raus, als wir sie reingehämmert hatten. Also musste ein Upgrade her.

Gesägt wurde immer nur unter meiner direkten Aufsicht und nach jedem Vorgang, zog ich auch direkt den Stecker, um sicher zu gehen, dass am Ende auch wirklich alle Finger dran bleiben. Denn einer kommt immer auf die Idee zu probieren, was passiert, wenn man den Knopf doch drückt. Beim Schwingschleifer durften die Kinder ohne meine Hilfe ran, nachdem ich allen deutlich gemacht hab, dass das Gerät zwar laut ist und Dreck macht, aber sonst nicht viel passieren kann. Für die Kids, die zuvor noch nie mit elektrischen Maschinen im Werkraum gearbeitet haben, war diese Phase des Prozesses natürlich ein absolutes Highlight. Jedes selbst geschnittenes und geschliffenes Brett wurde hochgehalten wie die Meisterschale:

„schaut das hab ich gemacht. Ganz alleine“

IMG_20150522_160756Mir war es wichtig den Kids die Angst vor technischen Geräten zu nehmen und ihnen dabei dennoch zu vermitteln, dass sie niemals den Respekt vor ihnen verlieren dürfen. Niemand lenkt den anderen ab, jeder nimmt sich ausreichend Zeit, keiner fasst in die laufende Maschine. Und am Ende des zweiten Werkstatttages waren alle Einzelteile für den geplanten Stuhl geschnitten, geschliffen und bereit zusammengesetz zu werden. Zum ersten Mal bekam jeder der Handwerker die Vorstellung wie das Möbelstück am Ende aussehen könnte und der Satz „der Stuhl wird richtig geil“ hätte den bisherigen Arbeitstitel längst ablösen können.

Am Freitag darauf kam dann der Akkubohrer zum Einsatz, damit der ganze Laden uns nicht schon bei der ersten Geburtstagsparty auseinander fallen sollte. Wie bereits bei der Bank wurden erst die Seitenteile im Einzelnen verschraubt und dann durch die Sitzfläche fixiert. Die Frage „warum das lästige Vorbohren nötig sei?“ wurde gleich am Anfang anhand eines Beispiels beantwortet, bei welchem das Holz wegplatzte und für alle Beteiligten war klar „gut für uns, dann können wir noch mehr bohren“.

IMG_20150522_160957Mit Wasserwaage und Winkelmaß versuchten die Kids die Grundzüge der Statik einzuhalten und Loch für Loch und Schraube für Schraube stand der Stuhl am Ende des dritten Werkstatttages auf seinen eigenen vier Beinen. Noch ohne Rückenlehne, aber dennoch wurde sich schon drum gestritten, wer zuerst darauf Probe sitzen dürfe.

Ladies first.

Nach vielen Wochen hämmert nun also endlich das große Finale an der Tür. Krone aufmalen, Bretter zuschneiden, Armlehnen zuschneiden, vorbohren, Schrauben festziehen. Ein letztes Mal „ich mach“, „Nein, ich mach“, „Du hast eben schon, ich mach“ und knapp 8 Stunden Arbeitseinsatz sollten um kurz vor vier ihre Vollendung finden.

Ein Meisterwerk.

IMG_20150522_161022Nicht von Höffner, nicht von Ikea, nicht von irgendeinem anderen Möbelhaus. Holz von Berlins Straßen, gefertig von Berliner Kids für Berliner Kids. Made by Wedding. Gewachsen auf Beton.

„Schau mal, den haben wir ganz alleine gemacht“ und „der hat nichts gekostet“ betonten die Kinder immer wieder bei ihrem Weg vom Werkraum hoch in die Gruppenräume, mit einer Extrarunde über den Schulhof vorbei an allen anderen Kindern, die große Augen machen sollten.

Ich bin mächtig stolz auf die Mädchen und Jungen meiner Gruppe. So selbstständig und zielorientiert, wie sie dieses Projekt von Anfang bis Ende durchgezogen haben, hab ich selbst noch so vieles bei diesem Prozess lernen können. Natürlich steht das nächste Projekt bereits in den Startlöchern, aber vorher wird kommenden Freitag erst einmal Geburtstag gefeiert und zwar mit und auf dem „Räuber-Thron“.

Maik

Erdbeerchips – Erdbeeren selber im Backofen trocknen

IMG_0143Nichts ahnend mit meinem derzeitigen Lieblingssong auf den Ohren schlendere ich die Liebenwalder Straße hinauf in Richtung Zuhause und damit auch in Richtung Wochenende. Langes Wochenende, die Sonne im Nacken und das Kleingeld locker in der Jeans. Noch. Denn mein Obstdealer an der Ecke, sollte mich gleich um 4€ erleichtern und mich doch gleichzeitig um 5kg schwerer in den zweiten Stock hochschicken.

„4 Schalen Erdbeeren für 2€“

Da hat sich jemand vor den Feiertagen aber auf dem Großmarkt verzockt. Meine Chance um endlich meine eigene Marmelade einzukochen.

„Ich nehm dann 8 Schalen“

„Komm nimm eine Palette für 4€“

„Deal“

Nun steht hier die gefühlt halbe Tonne der roten Früchtchen bei uns in der Küche und wartet nur darauf verputzt zu werden. Alle Tore der Verarbeitung stehen mir offen. Als Milchshake, als Marmelade, im Quark, als Eis, als…. da merk ich selbst, dass sich doch Türchen für Türchen schließt und mir die Erdbeeren schneller weggammeln als es mir lieb ist. Also nichts wie ran, Grünzeug ab, zerkleinern, perüren und ab damit in den Eiswürfelbeutel.

Sieht aus wie eine Blutkonserve. Erstes Kilo weg.

Schale für Schale kämpfe ich mich vorwärts durch die Erdbeerberge, kein Wort fürs Glücksrad, ich kaufe ein „E“ und lese gleichzeitg auf einem Blog davon, dass man die Dinger auch trocknen kann und dann Chips hat. Und ich kann euch nur raten: macht es.

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Erdbeeren waschen und in ca. 3mm dünne Scheiben schneiden. Dann auf ein Backblech mit Backpapier legen, noch mal abtupfen und ab damit in den Ofen bei 80-100°C Umluft und nehmt euch Zeit. Bei mir waren es knapp 90 Minuten.Ab und an die Backofentür aufmachen und die feuchte Luft rauslassen. Nach ca. 40-50min die Scheiben wenden, mistige Aufgabe bei dem ganzen Spaß, aber notwenig, damit sie wirklich trocken werden. Nach rund 1,5 Stunden Ofen ausstellen und ruhig noch im Ofen lassen, Restwärme nutzen. Sobald die Scheiben dann ausgekühlt sind vom Blech holen und direkt damit in ein verschraubbares Glas. Ich werde damit mein eigenes Läufermüsli aufmotzen, sie in Eiweißriegel und Schokolade einstreuen, denn die Chips können richtig was. Probiert es aus, auch wenn es Zeit kostet. Zwei Bleche waren am Ende knapp 80g, aber man isst die Erdbeerchips anschließend nicht in Massen.

Viel Spaß

Maik

Justin wer? – ein Mann ohne Namen & Gesicht

JustinWer

Während Deutsche Senioren ungeduldig mit verkrümmter Hornhaut an Füßen und Augen auf die tickende Kuckucksuhr ihres kleinen 1 Zimmerapartments blicken und es dabei kaum erwarten können, dass dieser elendig und schier endlos lange Tag endlich mal seinen Buckel in Richtung Sonnenuntergang reckt, klopft in der Wüste von Doha ein alter Mann noch einmal all den Staub von seinen Knochen, um seine verpasste Jugend nachzuholen. In zu Hochglanz polierten Spikes und einem knappen Einteiler, der keine Falte seines Alters vertuscht, saust er so flink und so leichtfüßig wie nie zuvor über das knallrote Gummiparkett.

Angetrieben von…. nennen wir es „Erfahrung“ und vielleicht ein wenig Granu Fink.

Doch diese zurückerrungene Pupertät des Justin G. macht selbst Experten stutzig und zweifellos kann man bei ihm fast schon von einer armen Sau sprechen.

Alles beginnt mit seinem Namen: Justin. Seien wir mal ehrlich zu uns selbst, hier in Deutschland hätte der gute Justin längst seinen sozialen Stempel auf die Stirn tätowiert bekommen. In falscher Rechtschreibung und mit wasserfester Tinte. Lange vor dem Startschuss, ja schon beim Vorlesen der Startreihenfolge durch den Kampfrichter, wäre sein Rennen bereits beendet. Man stelle sich also nur mal bildlich vor, wie sich der Sprinter stilecht in Jogginghose, silberblauen AirMax und natürlich mit der standesgemäßen Bauchtasche bei einem der zahlreichen Meeting-Directors vorstellen würde:

„Hallo, ich bin der Justin und ich kann ganz schnell rennen“

„Das ist ja Klasse Justin. Hier hast du ein Mandala, mal das mal aus“

Nicht mal als Leuchte bei einem Abendsportfest würde man ihn dann engagieren. Dass man dem Justin dann auch noch eins mit der ADHS Keule übergebraten hat, um damals Dopingvergehen Nummer 1 zu entschuldigen, macht es mit den Vorurteilen ihm gegenüber natürlich nicht einfacher.

Ich habe keine Diagnose, aber zwei polnische Elternteile, ich weiß wovon ich da spreche.

Zu guter Letzt bleibt dann auch noch diese unübersehbare Lücke in seinem Lebenslauf und die daraus resultierenden Fehlzeiten in den Statistiken. Nicht gerade ein Aushängeschild für die persönliche Bewerbung.

Ist es also ein Wunder, dass der Justin heute ist wie er nun mal ist? Dürfen wir ihm überhaupt einen Vorwurf machen? Ja dürfen wir und nichtsdestotrotz oder in seinem Fall in neuer Rechtschreibung nichtsTESTOtrotz, sind es die Sportartikelhersteller und Meeting-Directors, die es ihm ermöglichen Sport auf diesem Niveau zu betreiben. Ohne Startmöglichkeiten bei den großen Meetings, gäbe es auch kein Interesse für Sponsoren Justin in neue Einteiler zu stecken. Doch solange die Einladungen nicht ausbleiben, hüpft er weiterhin für die Sponsoren den ganzen langen Sommer von Stadion zu Stadion und von Kamera zu Kamera. Und selbst jede negative Meldung abseits des positiven Befundes, wie die Ausladung vom Meeting in Peking, lässt die Kassen der Sponsoren klingeln. Jedes Bild, das die online-Magazine von ihm abdrucken, jeder Facebook-Post, jeder Tweet mit seinem Namen oder Hashtag füttert diesen Verbrecher. Wir füttern diesen Täter. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Punkt.

Um Nachahmern die heroische Wirkung eines Amoklaufs an Schulen zu nehmen, rieten Psychologen dazu, den Namen sowie Bilder des Täters in Zukunft nicht mehr in der öffentlichen Mediendarstellung zu nennen oder zu zeigen. Für manchen mag der Vergleich hinken oder humpeln und vielleicht auch zu weit hergeholt sein, Justin G. mit einem Amokläufer auf eine Ebene zu stellen, doch ich möchte damit bloß meinen persönlichen Standpunkt klarstellen:

er ist ein Verbrecher.

Er schadet unserem Sport. Er beklaut andere Menschen. Er ist ein Betrüger. Jetzt ist jeder selbst gefragt, möchte ich mich mit Justin zum Spielen verabreden, möchte ich so einen Menschen unterstützen? Hat dieser Mann eine weitere Chance verdient?

Nein.

Solange Veranstalter ihn zu Meetings einladen, er den Headliner eines Stadionfestes bildet und man ihm dort eine Plattform schenkt, ist Justin G. nur bedingt ein Vorwurf zu machen und wir Sportler scheinbar machtlos. Scheinbar, denn wenn wir ihn schon nicht ein- oder ausladen können, so bleibt uns immerhin noch die Macht diesen Menschen zu ignorieren, Beiträge mit seinem Namen nicht mehr zu liken oder zu teilen und dabei sogar so weit zu gehen, diesen Menschen für uns persönlich zu streichen. Von seinem Namen bis zu seinem Gesicht.

Ich für meinen Teil habe dies gemacht. Ab jetzt.

Justin wer?

Maik

Überrasch uns, Jan!

Jan FitschenNebel schleicht sich quälend über den Asphalt, als schlucke diese zähe Masse aus Nichts Meter für Meter in sich hinein. Unter und über ihr nur Stille. Die Stadt schläft und doch kreist bereits dieser Dunst von Aufbruch seit Anbeginn der Dämmerung in der Luft, der hin und wieder an den Ecken und Kanten alter Hausfassaden ins Stolpern gerät. Wacklig balancierend wie betrunkene Pärchen auf dem dünnen Seil gesponnen aus Aufbruch, Umbruch und Abbruch.

Ohne Netz.

Der eine fällt, der andere hält. Hält dagegen oder erhöht ums Doppelte. Alles oder nichts. Wer zuerst loslässt, hat verloren. Also hältst du fest, krallt dich an alles was dir zwischen Daumen und kleinem Finger innerhalb dieser mikrigen Handfläche geblieben ist.

Besonders dann, wenn Aufgeben nie eine Alternative für dich gewesen ist.

Lieber lässt du dir deine Hand abreißen, als diese Faust, in der du all das festhälst, was du besitzt, nur einen Milimeter zu öffnen. Denn du weißt, wenn du in diesem Augenblick nur den Hauch einer Sekunde nachgibst, nehmen sie dir im nächsten Herzschlag alles. Also beißt du auf die Zähne, beißt die auf die Lippe, beißt dir in die Zunge. Auch wenn sie alle um dich herum längst flüsternd zu Wort bringen, was du noch nicht einmal gewagt hast in Gedanken zu fassen. Und egal wie laut aus dem Tuscheln ein Reden wird, deine Ohren bleiben taub.

Besonders weil Aufgeben nie eine Alternative für dich sein wird.

Ich kann Jan Fitschen nur zu gut verstehen, wenn er sagt: „Offiziell will ich meinen Rücktritt aber noch nicht erklären. Ich schaffe es nicht zu sagen, so, das war es.“ (hier das ganze Interview) Denn jeder Sportler, der schon einmal die breite Amplitude zwischen Betonboden, Atmosphäre und wieder zurück zur knallharten Ebene der Realität in seiner Karriere erlebt hat, will und wird sich niemals damit zufrieden geben, dass die horizontal Lage auf dem kalten von Nebel bedecktem Asphalt, die sportliche Endstation bilden soll. Jeder Sportler, der den Geschmack dieses einen Tages kennt, der den Hunger sämtlicher Dürrejahre stillen kann, will und wird niemals die Henkersmahlzeit runterschlucken, die ihm unzählige Mikrowellenköche auf den Tisch servieren. Denn solange du noch immer den süßen Nachgeschmack von einst nicht vergessen hast, dir die Hoffnung bleibt, doch noch einmal einen Bissen von deinem persönlichen Kuchen zu bekommen, bleibst du lieber hungrig als dich zu früh abspeisen zu lassen.

Lieber Jan, du kennst die Amplitude des Erfolgs besser als jeder andere Läufer in Deutschland und gewiss sind die letzten Jahre nicht spurlos an dir vorbeigezogen, Ja, sie mögen flüstern, sie mögen tuscheln und reden, doch lass den Burger, den sie dir versuchen aufzutischen doch noch einmal links liegen. Du hast schon sooft für das Fitschen-Moment gesorgt, bist genau dann explodiert, über dich hinausgewachsen und hast für die Sensation gesorgt, wenn wir dich alle bereits mehrfach abgeschrieben haben wie früher Hausaufgaben im Bus. Ball die Faust noch einmal fester zusammen als je zuvor und lass die unaussprechlichen Worte noch mal hinten den Lippen abwärts verschwinden.

Überrasch uns noch einmal.

Maik

Erfolg vergessen?!

Luft anhalten, Zeitlupe an und Ohren auf lautlos gestellt. Zeiger scheinen urplötzlich mit dem Zifferblatt verwachsen zu sein, so filigran, so zerbrechlich in der Breite eines Wimpernschlags, dass jede nächste Bewegung ihre Umlaufbahn erschüttern könnte. Nervös zittert der Finger am Auslöser, bevor er doch letztendlich abdrückt. Festgehalten auf Zellophan mit 100 prozentiger Gänsehautgarantie über Jahrzehnte hinweg.

Der perfekte Moment.

Jeder von uns besitzt ihn. Irgendwo. Tief in einer der unzähliegen Fotoboxen unserer Hirnwindungen. Diesen kurzen , aber in sich völlig vollkommenden Augenblick, in dem sich für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Chaos heraus alles zusammenfügt und sich aus der Tiefe der Schwärze heraus sämtliche Sterne günstig hintereinander reihen. Bei Nils Schumann war es die Zielgerade von Sydney, bei Mario Götze die Ecke des 5m Raumes in Rio.

Und bei dir?

Mein einer Schnappschuss ist lange her, zwar längst im Zeitalter der Farbfotografie, doch langsam verlieren die Pigmente des Drucks an Deckkraft. Oder darf das Zusammenspiel der Farben nie ihren Einklang verlieren? Sollten sie es vielleicht? Oder sollten wir selbst diese Momentaufnahmen aus dem Fotobuch reißen und verbrennen? Wenn man dem baldigen BVB Trainer Thomas Tuchel Glauben schenken darf, dann sind es insbesondere diese Momente, die des herausragenden und überraschenden Erfolgs, die uns so verletzlich machen, so angreifbar, so messbar. Ihre Bürde zwingt uns in die Knie, lasten Zentnerschwer auf uns, bis wir ihnen erliegen. Auf der Bahn, auf der Straße, auf dem Rasen.

Gemessen an ihnen wirken alle neuen Fotos im Album verwackelt und unscharf. Da kommt selbst jede Hilfe auf dem Pferd mit dem Namen Photoshop zu spät. Und der Finger am Auslöser zittert noch nervöser als vorher. Doch ich mag nicht vergessen. Muss ich? Hab ich nicht bislang für genau diese Momente trainiert, gearbeitet und gelebt, für die unvorhersehbaren Schnappschüsse, die ohne hinzuschauen geschossen wurden und dennoch voll ins Schwarze trafen?

„Meine ersten und letzten Ferien vergess ich nie,

ärztliche Diagnose: chronisch retroperspektiv“

Nur zu gerne schau ich alte Aufnahmen an, egal ob als Foto oder als Video, staune manchmal sehr darüber wie ich mal ausgesehen hab und was ich dabei im Stande war zu leisten. Weil genau diese Momente mich an mein Versprechen erinnern, alles mir Mögliche zu tun, um mein Bestes von mir abzuverlangen. Und dennoch weiß ich was gestern war, muss morgen nicht sein und das dieses Heute manchmal auch nur die billige Kopie eines Gestern ist, was keine Rechnungen zahlt oder Schecks deckt. Doch genau diese Hoffnung auf neue Schnappschüsse lässt mich täglich in meine Schuhe steigen.

Und bevor meine kommenden Negative auf dem Film gar nicht erst in die Entwicklung gehen oder noch vor Erreichen des Speichermediums wieder gelöscht werden, weil ich ungeduldig in der Weltgeschichte herumknipse, immer auf der Suche nach dem einen ultimativen Augenblick, dem Motiv tief in mir, was einen Ehrenplatz im Fotoalbum kriegt, bleib ich ruhig. Warte auf passendes Licht. Putze mein Objektiv. Ohne zittrige Finger am Auslöser, ohne nervös durch die Linse zu starren.

Anders als die Mädchen bei Heidi, werd ich mein neues Foto kriegen. Auf Leinwand, in 2m x 3m. Seidenmatt, in Farbe. Unvergesslich.

Maik

HIER KRIEGT IHR DEN VORTRAG VON THOMAS TUCHEL ALS MP3

Gemessen in Haile – die Maßeinheit Gebrselassie

Rekorde verfliegen

Auch auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere Leser sich nun denkt: „Opa, die Story kennen wir schon alle“, muss ich die Geschichte einfach noch mal erzählen, weil sie so schön ist. Also hier noch mal in Farbe und bunt:

„Is it your’s?“ fragt mich der knapp zwei Köpfe kleinere Mann vor mir, der mit ungläubigen Augen meinen rechten Schuh in den Händen hält und ihn von allen Seiten betrachtet, während ich auf einem Bein stehend versuche in diesem Moment nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Kurz, aber dafür in perfektem Englisch antworte ich mit „Yes“ und grinse verlegen, wie man es nun mal tut, wenn es einem grad die Schuhe sprichwörtlich ausgezogen hat.

Und da stehen wir beide nun.

Ein Läufer, dem man vor wenigen Minuten seinen Weltrekord über 5000m abgeluchst hat und dabei nicht weiß, dass er bereits in wenigen Tagen auch seinen Rekord über die 25 Stadionrunden weiterreichen darf und ich. Ein Läufer, der seit Anbeginn der Sommersaison 2004 seinem großen Ziel hinterherjagt, sich einmal für die Deutschen Jugendmeisterschaften zu qualifizieren und in diesem Augenblick nicht ahnt, dass sich sein Traum bereits wenige Tage später mit einer neuen Bestzeit erfüllen sollte.

Natürlich war dieser eine Läufer niemand geringeres als Haile Gebrselassie, der sich mit einem roten Edding auf meinem orangfarbenden DS Trainer in Größe 49 verewigte. Und auch wenn mir die Buchstaben auf dem Laufschuh kein Glück bei den Deutschen Meisterschaften brachten, trug mich diese Begegnung mit einem oder vielleicht dem letzten großen Läufer unserer Zeit weiter als all die Schuhsohlen meiner Laufschuhsammlung zusammen.

Am Wochenende schlug Haile Gebrselassie im Alter von 42 Jahren nun endgültig den besagten Nagel in die Wand, um seine Wettkampfschuhe dort dranzuhängen. Lange wiegten wir uns alle in der Sicherheit, dass sich niemand von uns mit diesem Moment jemals auseinandersetzen müsse, Haile uns am Ende sportlich alle überdauert und selbst alt und gebrechlich mit Krückstock die 10km morgens zum Briefkasten noch unter 30min rennen wird. Natürlich mit einem Lächeln über beide Ohren in bekannter Haile Manier. Vielleicht war es ja Paula Radcliffe, die den Äthiopier, mit ihrem Rücktritt vom Leistungssport, auf den Geschmack gebracht und ihm gezeigt hat, dass „joggen“ eine attraktive Alternative sein kann. Nun verlässt der kleine Mann die große Laufbühne und hinterlässt damit eine so große Lücke, die es den nachfolgenden Läufern im Feld schwer macht, diese jemals zu zulaufen. Denn Haile ist und bleibt ein Maßstab. An seiner Person werden wir die noch kommenden Generationen an Weltklasse Athleten messen, um am Ende doch wieder sagen zu müssen: keiner von ihnen ist wie Haile. Und um diesem Maßstab gerecht zu werden, reichen Rekorde und Zeiten nicht aus. Vielmehr ist es die Art zu laufen, die Art Rennen zu gewinnen oder auch zu verlieren und insbesondere die Art sein Leben diesem Sport bedingungslos zu widmen. Wie sich die Beatles oder Michael Jackson in die musikalische Historie von Mozart und Bach eingereiht haben, wird man auch in 100 Jahren den Namen Haile Gebrselassie in einem Atemzug mit den Großen des Sports wie Muhammad Ali oder Pele nennen. Hailes sportlicher Verdienst geht über die kleine rote Runde im Stadion hinaus. Er hat unseren Sport maßgeblich geprägt, ihn revolutioniert und dazu beigetragen, dass die Bewegung Laufen heute weltweit populärer ist als je zuvor. Haile bleibt die pure Inspiration, ein Sinnbild für Leichtigkeit und Hingabe, für Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Unzählige Läuferinnern und Läufer sind seinem Vorbild gefolgt, an ihm gescheitert und an ihm gewachsen. Jeder von uns. Auch ich.

Und sollten wir uns dennoch in Berlin Abseits des Marathons mal wieder sehen, werde ich meinen DS Trainer von damals im Gepäck haben.

Maik