schabaNACK(T)

In den Monaten, in welchen sich mir diese Stadt mehr und mehr offenbarte, traten mir Stück für Stück neue Erkenntnisse entgegen und komplettierten auf diese Weise die in meinem Kopf bereits existenten Halbwahrheiten.

Zeit und Rauem bzw. Weg spielen hier keine Rolle.

Aus eigener Erfahrung kann wohl jeder von sch sagen, dass er keine Zeit für irgendwas habe. Abschnitten auf dem Zifferblatt scheinen kostbarer den je geworden zu sein. Nicht, dass es “hier” anders wäre und der Mitmensch dir gelassener im Alltag entgegen trete, nein, nein, aber der Umgang mit der Zeit ist doch ein anderer. Grundsätzlich spielen für gewisse alltäglichen Aktivitäten Tageszeiten wirklich keine Rolle. Ganz nach dem Motto:

17min zu spät sind die neue Pünktlichkeit.

Mir soll es Recht sein, wissen die meisten doch wie schwer ich mich manchmal mit dem Einhalten gesetzter Uhrzeiten tue. Aber es ist nicht die Unpünktlichkeit, die mich in Berlin so anspricht. Sondern vielmehr meine Beobachtungen im Park, während ich meine Runden drehe. Zum einen glaubt man unter über 3Mio Menschen einer zu sein, anonym zu sein, im Schatten seiner selbst und das ist man gewiss auch, wenn man mehr als nur einen Schritt vor die Tür wagt. Bewegt man sich aber in seiner kleinen Welt, seinem 3km Radius im Raum seines Stadtteils, so wird man mit der Zeit feststellen, dass man ab und an doch einen Menschen wiederholt trifft. Im Park hat sich daher auf meine Initiative hin eingebürgert, dass man sich in Form einer kurzen Winkbewegung grüßt und man anhand der Intensität dieser Grußbewegungen in Kombination mit dem Gesichtsausdruck und der Atmung herauslesen kann:

Aha, er/sie läuft also heute einen gesteigerten Dauerlauf. Und das auch noch zu schnell.

In der Regelmäßigkeit seiner selbst, erlebt man auch die seines Umfeldes und plötzlich sind wir eine große Familie. Ach wie schön. Aber auch nicht die Regelmäßigkeit ist es, die mich faszinierend in ihren Bann zog. Nein, nein. Es ist vielmehr das Unkonventionelle, dieses Unregelmäßige, diese spontane aus dem Bauch heraus Handlung, abseits von Sekunden zu Minuten errechnet auf einem vermessenen Streckenabschnitt. Ja dieses

“jetzt ist der richtige Zeitpunkt, einfach mal loszulaufen”

Vollkommen egal wie spät es ist, welches Wetter vorherschert oder welche anderen Ausreden man sich noch suchen könnte, um den Schritt vor die Tür nicht zu wagen. Im Park oder auch auf der Straße sehe ich immer wieder Läufer, bei denen ich mich frage, was ihr Antrieb war, einfach loszulaufen?

Vielleicht ist es die Halbestunde bevor die Kinder wieder aus der Kita abgeholt werden müssen.
Vielleicht der meterhohe Stapel an Papier, der einen sonst auf dem Schreibtisch erdrückt.
Vielleicht ist es der Blick auf die Waage, der den Blick in den Spiegel in Frage stellt.
Vielleicht ist die Suche nach Ruhe gegen das Gebrüll ewig rastloser Beine.
Vielleicht nervt die Olle zu Hause oder das Zuhause nervt die Olle.
Vielleicht ist es der Wunsch nach Freiheit.

Egal ob mitten in der Nacht, mitten am Tag oder zu völlig anderen für “uns” unmöglichen Uhrzeiten. Die Leute gehen einfach raus, ganz ohne großes Tamtam. Schuhe, Outfits und teure Technik sind vollkommen egal. Getragen wird, was der Schrank grade hergibt und welches Paar Schuhe am meisten ausgedient hat. Während viele andere den ersten Schritt zum Laufen nicht in Richtung Park setzen, sondern erst zum nächsten Sportgeschäft, läuft man hier einfach los.

Des Laufens wegen.

Grade von jüngeren Athleten bekomme ich immer öfter das Gefühl vermittelt, dass sich ihre Ambition beim Laufen verstärkt darin äußert, laufen zu gehen oder Sportler zu sein, um sich neue Sportklamotten zu kaufen, die neuste Technik zu besitzen und zumindest von außen so auszusehen wie ein Profi mit einem Sponsoringvertrag. Dabei vergessen sie aber eines:

Ein Nike Victory alleine macht noch lange keinen Sieger.

Ich brauche keine teure und aus dem aktuellen Katalog stammende Ausrüstung um der billigsten Sportart der Welt nachkommen zu können. Im Schlussspur, an dem Punkt im Rennen, an welchem dich die Welt grade vor Schmerz zerreißt, helfen dir weder ein Air System noch Silberionen in deinem Laufshirt,

denn für dein Herz gibt es keine Kompressionssocke.

In diesem Sinne gehe ich jetzt nackt laufen.
Euer maik

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