Rückbank Blues

Hard Rock Autobahn. Irgendwo zwischen gestern und morgen. Alles nur nicht wirklich heute. Um mich herum liegt die Welt in schwarzen nächtlichen Samt gehüllt, den nur gelegentliche Neonreklamen der Rasthöfe durchbrechen. Hinten rechts im Auto sitze ich. Rückbank Blues. Mein Herz hat längst den Rhythmus der Scheibenwischer angenommen, die krampfhaft versuchen gegen den prasselnden Regen auf der Windschutzscheibe anzukämpfen. Vergeblich. Bewaffnet mit Kuli und Notizbuch im Anschlag kritzele ich unter die mehrfach nachgezeichnete Überschrift mit den Namen SKIZZE zusammenhangslose Gedankenfetzen, nachtschwärmerische Träumereien und jede Menge ICH-Kotze zwischen die kleinen Karos. Für jeden Fremden bloß unlesbares Geschmiere. Für mich auch. Nachtblind ohne Brille kneife ich immer wieder die Augen zusammen, um noch einmal die ersten Gehversuche dieses Memo zu entziffern. Vergeblich. Von der Gegenfahrbahnseite blendet das gleißende Licht der Fernscheinwerfer. In der Luft hängen unzählige Regentropfen, hintereinander aufgereiht. Keinerlei Bewegung als fuhren wir immer wieder durch diese nass kalten Perlenketten hindurch.

Ich habe Asphalt Parkinson.

Meine Hände gehören nicht mehr mir, sondern dem unebenem Untergrund der Autobahn in Richtung Osten. Unrhythmisch, ohne jede Kontrolle, suchen die Spitzen meiner undruckbaren Schreibschrift immer wieder das Weite in sämtliche Richtungen des Blatt Papiers. Berühre ich mit der in Tinte getränkten Mine nur für einen Augenblick die Oberfläche des Blockes, beginnt dieser Kuli, wie von Geisterhand, damit Muster und Symbole zu zeichnen.

HAKENKREUZ + DAVIDSTERN = HERZ

THE LOVELY JEWISH NAZI

Während aus den Boxen des Autos der gefühlt 1000 Heavy Metal Song dröhnt, nickt mein Kopf völlig übermüdet zur Seite an die kalte Scheibe. Song vorbei. Neuer Song beginnt. 1001. Alle auf ihre ganz eigene Art und Weise gleich und doch vollkommen ähnlich. In diesem weit nach mitternächtlichem Moment erschließt sich mit die Ansicht von Hip Hoppern gegenüber Metallern und das Klischeebehaftete Denken von Metallern gegenüber Hip Hoppern.

Neben Peter Alexander klingt alles nach Blech.

Nur noch viel zu viele Kilometer bis zu meiner Haustür. Nur noch die Hälfte von vor zwei Stunden und immer noch zu weit. Viel zu weit. In etwa wie meine derzeitige Wettkampfleistung. Während ich im Training immer einen halben Schritt Vorsprung vor mir selbst verbuche, hinke ich sobald ich das Wettkampfdress übergezogen habe Rückwärts in Zeitlupe hinterher. Ohne festen Bodenkontakt. Zwischen gestern und morgen. Immer noch so sehr nicht heute.

Swaglos.

Erklärungsversuche mir selbst gegenüber enden zumeist in einem wortlosen Schulterzucken. Seit den Deutschen verläuft jedes Rennen im Störtebekerstyle.

Kopflos.

Versuche ich in der direkten Wettkampfphase meine Konzentration auf einen Punkt zu bündeln, Verästelungen in meinem Kopf zusammen zu einem Strickmuster zu knüpfen, verliere ich mich immer nur tiefer in den eigenen Gedankengängen.

Auswegslos.

Seit Mitte Mai begebe ich mich nun auf den Startschuss wartend an die Linie. Schon zu lange? Fehlt es der körperlichen Ausdauer grade an der Geistigen? Beraube ich mich grade wie so oft selbst, indem ich durch eine handvoll schlechter Rennen die bisher Guten in dieser Saison ausblende? Ich selbst weiß, dass mein Potential weit aus höher liegt, als ich es bislang abrufen konnte. Viele Ergebnisse sind bloß das Resultat meines wirklich guten Trainings. Konstant mit ein paar Ausläufern nach unten. Wann gelingt mir in meinem sportlichen Dasein einmal der positive Ausrutscher? Und wieder heißt es, warten. Warten, sich aufrappeln, erneut versuchen zu konzentrieren und sich doch noch einmal bündeln. Das war noch lange nicht alles.

maik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s