Lieber Marathon

All diese neunmalklugen Weisheiten aus den unzähligen Marathonratgebern, die seit dem letzten Herbst Platz in meinem überschaubaren Bücherregal genommen haben, besitzen tatsächlich eine Wurzel der Wahrheit. Kannte ich den Mann mit dem Hammer bislang nur von Spiegelbildern meine selbst in völliger Nacktheit, so grinste mir dieser am Sonntag doch, wie in den Büchern versprochen, bei Kilometer 34 mit blitzblanker Kauliste entgegen, dummdreist fragend, ob er mir eins über die Mütze geben kann. Seine Höflichkeit zu diesem Zeitpunkt war bloß nur noch reine Formsache, denn meine Antwort darauf spielte bereits seit einer handvoll Kilometern keine Rolle mehr.

Er hatte nämlich schon bei 30 zum Schlag ausgeholt.

Marathon sind eben keine 20, keine 30 und auch keine 40km. Und ja, die Sekunden der ersten Hälfte sind die Minuten am Ende. Und ja, wer keine Unterhosen an hat, sollte nicht grillen. Weisheiten über Weisheiten.

Seit Sonntag, kurz nach halb 12, darf ich mir nun auch den Zusatz Marathoni vor meine zwei Doktortitel kritzeln. Für so manchen dürfte mein Start und dazu noch mein erscheinen in der Ergebnisliste eine Überraschung gewesen sein, wenn es jemanden beruhigt, für mich selbst auch. Erst am Donnerstagabend, nachdem ich meine Runden im Park mit einer unbekannten Lockerheit abspulte, entschied ich mich in der Haustür dazu, doch am Sonntag den Weg durch Berlin zu wagen. Mein Plan lautete “damals” wie folgt:

Bis zur Hälfte mit 4 Minuten pro Kilometer, dann wenn möglich steigern und einfach durchkommen.

Und kaum setzte ich einen Schritt in den Block A und erblickte von dort aus durch meine Sonnenbrille die Echthaarperücke Micki Krauses hinter der Absperrung zum Elitefeld, verwandelte sich jede Form von Realismus binnen den Sekunden, die der Starter von 10 auf Null runterzählte, in Hirnverbranntheit um. Als ich loslief und ein letztes Mal über meine Schulter zurückschaute, war alles was ich noch erkennen konnte, mein Verstand, der kopfschüttelnd auf der Startlinie stehenblieb und mir hinterwinkte.

Meine Taktik sah vor der Uhr zum ersten Mal bei Kilometer 5 Aufmerksamkeit zu schenken. Bis dahin sollte mich mein Tempogefühl steuern. Also schloss ich mich einer Gruppe an, die mir “langsam” genug erschien und trieb an den Fersen der anderen erst einmal nur mit. Mit den Anfeuerungsrufen vom Straßenrand, die der Gruppe hinter uns galten und dabei deutlich den Namen “Micki” hervorbrachten, machten sich erste Zweifel am angestrebten 4 Minutenschnitt breit.

Entweder meinen die jetzt Micki Krause oder Irina Mikitenko. Beides wäre auf seine Weise verrückt gewesen.

Wenige Meter weiter offenbarte sich mir dann, wo genauch ich mich im Feld eingeordnet habe und das erzeugte eine wundervolle Mischung aus:

hast du sie noch alle und great Boi, great, dann ist das dort auf dem Motorrad also ein Kameramann vom Fernsehen.

Denn an die Gruppe, in welcher ich mich bewegte, schloss sich wirklich die spätere Dritte, Irina Mikitenko an.

Den Rest nun in Kurzform. Ich fühlte mich so langsam wie noch nie und ich war mir bis 10km sicher, dass der Veranstalter sich mit seinen Kilometerangaben einfach vertan hat und etwas mit der Ausmessung nicht okay war. Im Kopf wiederholten sich folgende Worte immer und immer wieder:

Alter, das Tempo hälst du durch. Vielleicht ist heute dieser eine Tag.

Um es an dieser Stelle vorwegzunehmen: dieser eine Tag war spätestens bei Kilometer 30 vorbei. Bis etwa 20km hatte ich immer Anschluss zur Gruppe von Mikitenko und bis dahin nicht im Ansatz Probleme damit, das Tempo zu halten. Problematisch wurde es immer an den Verpflegungsstellen, da ich es nie trainiert habe bei dieser Geschwindigkeit aus einem Plastikbecher zu trinken. Alles was bei dem Versuch, die jeweilige Flüssigkeit aus dem Becher zielsicher in den Mund zu befördern, übrig blieb, war ein bis kein Schluck. Meine Freundin Siri, mit der ich zu einigen Streckenabschnitten verabredet war, hatte zum Glück Trinkflaschen mit Tee dabei, aus denen sich die Flüssigkeitsaufnahme als ein Kinderspiel erwies.

Spurlos im Bezug auf meine Muskeln waren die ersten 20km aber auch nicht an mir vorbeigezogen. Mein letzter langer Lauf lag etwa 4 Monate zurück und dazwischen hatte ich im Training nur noch ab und an die 20km angekratzt.

Und 20 sind keine 40. Jede Frau wird das bestätigen.

Um es weiterhin kurz zu machen: ab Kilometer 30 begann wirklich der Rückbau meiner Kirmes. War die Zeit bis dahin wirklich sehr schnell vergangen, entpuppten sich die letzten 12km als geschmacksloser Dauerlutscher. Zur völligen Demoralisierung tragen dann noch die Läufer bei, die ihre Sache vollkommen richtig angegangen waren und mit gefühlt doppelter Geschwindigkeit an einem vorbeilaufen. Ab 37km herrschte in meinem Kopf folgende Rangfolge.

1. Ankommen
2. Nicht gehen
3. Ankommen

Über den Veranstalter gibt es die Möglichkeit, sich ab Kilometer 30 auf kleinen Videoausschnitten, selbst zu begutachten. Im Bezug auf mich lassen sich die Vids sehr gut unter der Überschrift zusammenfassen:

“Die neuen Leiden des jungen W.”

Nun ja, ich denke dass sich der ein oder andere mein Ergebnis und die dazu gehörigen Zwischenzeiten angeschaut hat. Die Zwischenzeiten sprechen für sich selbst. Zum Schluss wurde mein Dauerlauftempo aus dem Park zur Renngeschwindigkeit und trug nur bedingt dazu bei, dem Ziel näher zu kommen. Meine zweite Hälfte war im Bezug auf das Anfangstempo 3km länger, anders kann ich mir den Unterschied von 10 Minuten nicht erklären.

2:31.50h, Platz 76, Platz 11 aus Deutschersicht und bester Berliner.

Natürlich bin ich für so ein Tempo niemals vorbereitet gewesen, wenn man bei diesem Start überhaupt von einer Vorbereitung sprechen darf. Aber Ich habs durchgezogen. Punkt. Viele, die es gefreut hat, viele, die sich das Maul zerrissen haben, einer den das nicht interessiert: C’est moi.

Vor genau einem Jahr begann ich damit, die Idee Marathon in das Zentrum meines Trainings zu stellen, mich danach auszurichten und mich in Berlin für Berlin vorzubereiten. Aus dieser Vorbereitung heraus ergab sich meine wohl beste Saison seit 4 Jahren. Nicht zu starten, wäre aus meiner Sicht so, als pisse man seinem Karma direkt auf die Schuhe. Und das tut man bekanntlich nicht.

Lieber Marathon, nimm es also als ein Dankeschön von mir an dich entgegen.

Zwei Tage war gar nicht an laufen zu denken, heute spekuliere ich schon wieder mit dem Gedanken, in die Botten zu steigen, um diesem späten Anflug an Sommer noch ein bisschen was abzugewinnen. Ab Ende Oktober beginnt dann meine ernsthafte Vorbereitung auf die Saison 2012. Sicherlich spielt der Marathon dann wieder eine Rolle.

maik

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