mein Tempo, mein Rhythmus, mein Rennen

Noch 100m bis zur Hälfte. Eigentlich. Denn wie ich grade anhand der Durchgangszeit feststellen muss, habe ich die 1500m Marke bereits vor einer halben Runde passiert. 4:38min für die erste Meile. Noch 7 Runden. Oder doch nur noch 6? Mit Mathematik auf kleinster Ebene tue ich mich in diesem Augenblick mehr als schwer. Nicht dass es je anders gewesen ist. Doch bei wenig Sauerstoff und Gedanken fernab von Addition und Summen, verliert man dann doch schnell den Überblick unter dem Hallendach. Vielmehr konzentriere ich mich auf das Zusammenspiel von meinen Beinen und meiner Lunge.

„Atmen Maik, atmen!“

ruft Steffen W. von außen in den Innenraum, als wäre er ein Notarzt auf der Intensivstation und ich auf dem Weg ins Jenseits. Und wieder greife ich tief mit beiden Lungenflügeln nach Luft und versuche so jeden Rest an Sauerstoff an mich zu reißen. Noch 5 Runden oder doch nur noch 4? Die Anzeige im Ziel sorgt für eine Menge Verwirrung. 5:37min = 2000m.

Also 5 Runden.

Mein Dad rotiert auf der nicht vorhandenen Bahn 5 wie einst Werner Lorant ohne Nikorette. Wie immer treibt er mich an, schiebt mich nach vorne. Er weiß immer meine Augen zu lesen, weiß immer genau welches Wort jetzt angebracht ist und er weiß immer genau, wie weit er mich noch pushen kann. Vollkommen egal wie laut es im Stadion oder in der Halle ist, seine Stimme dringt immer zu mir durch, jedes einzelne Wort. Zum ersten Mal in diesem Rennen richte ich meinen Blick nach vorne. Keine 1000m mehr bis ins Ziel.

„Der geht vorne ein, den holst du dir Boi“

höre ich Nikki von rechts in mein Ohr brüllen. Runde für Runde steigert er seine Lautstärke und ich fühle mich ein bisschen wie bei der Bergankunft einer Touretappe. Vielleicht irre ich mich, aber 400m vor dem Ziel hatte ich den Eindruck, dass mir Jan-Niklas in einem Teufelskostüm hinterherjagte.

„heute nicht Boi, heute nicht“

Und leider doch zog ich 100m vor dem Ziel wieder den Kürzeren. Knapp 2 Runden vor Schluss konnte ich mich zwar an Braunschweiger Heiko Baier heranschieben, der das hohe Tempo vom Anfang nicht mehr halten konnte und damit auf Platz 2 vorlaufen. Wie bereits in Hannover versuchte ich ihn von vorne abzuschütteln, doch vergebens. Auf der Schlussrunde wiederholte sich das Schauspiel von vor 2 Wochen erneut, bloß ohne Treibsandeffekt auf der Zielgraden. In der letzten Kurve zog er an mir vorbei, ich hatte nichts mehr entgegen zu setzen und musste mich am Ende mit Platz 3 zufrieden geben. 2 Sekunden schneller als bei den Landes und gleichzeitig um einiges standfester als im SLZ.

8:22.75min

„es geht doch“ schrieb mir der ein oder andere auf die Pinnwand und Recht haben sie damit. Nach Samstag war es mehr als wichtig diesen Lauf durchzuziehen und vor allem auf meine Weise durchzuziehen.

Mein Tempo, mein Rhythmus, mein Rennen.

In Zukunft muss ich mir noch mehr zutrauen, noch mehr von der Spitze aus agieren, mich niemanden unterordnen und mich direkt an die Front begeben. Erst ohne andere Stelzen und Arme, die mir ständig in die Quere kommen, fühle ich mich wirklich frei.

Danke an alle, die mir im Vorfeld stark zugesprochen haben und damit mein Gefühl von Zweifel ein wenig aus dem Weg räumten. Euch habe ich gebraucht.

maik

P.S.: An dieser Stelle noch mal einen großen Respekt an den Kleinsten im Starterfeld, nämlich meinen Vereinskameraden Marius Hüpel. Wie bereits auf unseren Bergtouren schleppte er sich in meinem Sog mit und schaffte es mit 8:28min unter die heiße 8:30min Marke. Hat mich sehr beeindruckt gestern. Stark Boi. Glückwunsch zu dieser Leistung. Da haben sich die Kniehebeläufe durch den Drecksschnee zur Wetterstation und zurück ja gelohnt. Keep on running.

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