Berge kommen, Gegner gehen (Kopfkino zum Lauf in Lingen)

 

„Und was strebst du morgen an?“ fragt mich meine große Schwester Samstag am Telefon
„Gewinnen. Einzel und mit der Mannschaft“ meine knappe Antwort darauf

Ganz einfach: gewinnen. Sich hinstellen und sich seiner Sache sicher sein. Immer, zu jeder Sekunde des Rennens. Rennen die vorne weg, renne ich mit ihnen mit, solange sie können und dann gebe ich den Ton an. An der Startlinie bin ich einer von vielen, einer von ihnen, einer der wie alle anderen gewinnen will. Sobald der Startschuss fällt, gewinne ich. Schritt für Schritt gewinne ich. Zunächst eine Ausgangsposition, dann an Ruhe und letztendlich an Raum. Hellwach, Augen auf die 4 Rücken vor mir gerichtet, alles unter Kontrolle. Scheinbar immer einen halben Schritt hinter der Spitzengruppe, doch ohne dass sie es registrieren können, befinde ich mich längst mitten drin im Geschehen. Vor jeder Kurve lese ich ihre Schultern, biege schon einen Hauch eher um die Ecke als sie, setzte mit meinem Fuß exakter auf, wenn sie auf dem gefrorenen Waldboden umknicken und halte mich aus dem Kräfte raubenden Handgemenge im Kampf um die Positionen heraus. Zeit sich einen Zentimeter weiter nach vorne zu verschieben. Denn an meinem Handgelenk piept es bereits zum dritten Mal. Alle 60 Sekunden ein Signal. Alle 60 Sekunden eine kleine Erinnerung an mich selbst, ein Weckruf. Minute für Minute arbeite ich die vor mir liegende Strecke ab und mit jedem Piepen der Uhr wird die Gruppe vor mir und um mich herum kleiner.

Berge kommen, Gegner gehen.

Und wieder muss einer dem Tempo Tribut zollen. Ich nicht. Ich rücke vor. Hinter mir wird die Atmung lauter und plötzlich taucht Marius rechts in meinem Augenwinkel auf, während Viktor bereits den nächsten Berg bearbeitet. Zu dritt sind wir vorne. 3 Blaue gegen eine Bande Roter. Mittlerweile haben wir den höchsten Punkt der Strecke erreicht, bis auf ein paar kleinere Hügel liegen nur noch weite Graden vor uns. Noch ist an Viktor nicht vorbei zu kommen. Jeden Angriff wehrt er immer wieder ab, schiebt sich jedes Mal vor einen und macht dich. Nach dem kommenden Knick folgt eine lange bergab Passage. Breite Wege, leicht abschüssig und das fünfte Signal dürfte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Mein zweiter Startschuss. In Minute 5 Renne ich los. Rein in die Kurve, raus aus der Kurve. Genau wie im Park. Meine Uhr feuert so laut sie kann. Jetzt oder nie: Angriff.

Was in der Halle bisher vergebens war, lässt sich unter freiem Himmel spielerisch umsetzten. Sich loslösen und mit jedem meiner Schritt zwei Meter an Raum gewinnen. Hier vorne erlebe ich im Rennen einen kleinen zweiten Frühling und atme dabei eine zweite Luft tief in mich hinein.

Eiskalt, erfrischend, belebend.

Noch vor einer Woche herrschte in mir mehr Zweifel als Selbstvertrauen in mein Können. Alle verkorksten Rennen der letzten Zeit pulverisieren sich mit jedem Tritt auf den brettharten Boden unter mir und verwandeln sich zu Vorsprung. Am Ende dieser Graden erkenne ich meinen Dad. Zwischen uns reicht heute ein kurzer Blickkontakt, um zu wissen, dass dieser Drops gelutscht ist.

„nur noch über die Hügel und dann geht es ins Ziel“

Zum Schluss des gestrigen Telefonats mit Magda, gab sie mir noch mit auf den Weg, mir die Gefühle vorzustellen die ich empfinden könnte, wenn ich gewinne, was ich verspüre, wenn ich als erster auf die Zielgrade einbiege. Knapp 600m vor dem Ziel lasse ich mir diesen Sieg heute nicht mehr nehmen und die wahrhaftige Ausführung meiner imaginären Glücksgefühle übersteigen meine Vorstellungen bei weitem. Vor mir liegt die Zielgrade und ein letztes Mal meldet sich meine Uhr zu Wort. Endspurt. Auf dem Sportplatz fällt dann alles von mir ab und mit einem Schrei verschaffe ich mir Luft, die ich seit Jahren bitter nötig hatte.

Für den ein oder anderen mag dieser Start, dieses Rennen, dieser Lauf gestern nur eine kleine unbedeutende Meisterschaft gewesen sein, doch nicht für mich. Noch nie konnte ich in all den Jahren einen Einzeltitel im Cross gewinnen, ja habe rückblickend in den letzten Jahren überhaupt viel zu wenig Rennen gewinnen können. Immer wieder funkte mir jemand dazwischen, meist ich mir selbst. Für mich persönlich war dieser Sieg gestern in Lingen mehr Genugtuung als damals bei meinen Deutschen in Hannover.

Dass wir mit einer enorm starken Mannschaftsleistung dann auch noch die Braunschweiger abledern konnten, damit gewonnen haben, machte diesen Lauf aus meiner Sicht annähernd perfekt. Ich bin euch für eure Leistung sehr dankbar Jungs.

Wir sind so was von Boss.

maik

Ein Gedanke zu „Berge kommen, Gegner gehen (Kopfkino zum Lauf in Lingen)

  1. Hallo Maik,

    die Grundregeln eines Kommentares erfülle ich hoffentlich, so dass ich nicht als Spam markiert werde ;). Nach dem ich deinen ersten PodCast verfolgt habe, bin ich über HALLO und MAIK ohne E aufgeklärt.

    Ich finde deinen Blog echt klasse und verfolge ihn jetzt seit gut einer Woche. Mach weiter so! Und viel Erfolg bei deinen Wettkämpfen im Sommer!

    Hagen

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