Alice Cooper-Test (Tag 9)

Vierundzwanzig trostlose Gesichter aus denen die absolute Demotivation entgegen gähnt, schlurfen auf der Innenbahn die Stadionrunde entlang, während im Start-Zielbereich ein junggebliebener Mitvierziger mit Stoppuhr den Hobby-Hitler mimt. Um ihn herum scharen sich mit Klemmbrettern und Ikeableistiften bewaffnet die Speichellecker und Menstruationsopfer der Woche. Auf ihren Lippen ein hämisches in Verlogenheit getränktes Lächeln. Während sie die intensive Mittagssonne auf ihren Faulpelz strahlen lassen, erfährt die Hälfte ihrer Kameraden ihr erstes Non-Alkoholisches Nahtoderlebnis. Mühsam und zäh räkelt sich die Schlange auf dem roten Kunststoff in Zeitlupe vorwärts. Noch ein bisschen langsamer und die Masse bildet eine Sitzblockade.

Nicht Stuttgart 21, sondern Pankow Klasse 11.

Was nach einem filmischen Antikriegsszenario der 70er Jahre klingt, bildet in Wahrheit eine Unterrichtsstunde im Fach Sport des nahegelegenen Gymnasiums. Dass sich hinter diesem Schauspiel der Sportunterricht verbirgt, bleibt aber nur eine vage Vermutung, denn nach der äußerlichen Aufmachung der Jugendlichen zu urteilen, haben sich die Beteiligten auf dem Weg zu einer Bad-Taste-Party verlaufen.

Und zwar als Polonaise.

Jungs in Jeans und Strickpullovern zwischen Mädels in übergroßen Muftihosen zu Lederjacke und Ballerinas. Zumindest bei einem Accessoire herrscht bei den Bois und Görls Einigkeit:

Kopfhörer.

Und nun drehen sie im Eilschritt ihre Runden bis der Herr Lehrer STOPP schreit. 12 Minutenlang immer im Kreis. Kurve, Grade, Kurve, Grade. Und wieder von vorne. Bis der Herr Lehrer STOPP schreit. Doch davon ist er noch Minuten entfernt und dem einzigen Motivationsprotz unter den Bois wird seine 59er Anfangsrunde langsam aber sicher zum Verhängnis. Ab diesem Zeitpunkt werden die restlichen 11 Minuten auf der Uhr 11 Minuten zu lang. Aber zumindest atmet er noch selbstständig. Während im Mittelfeld die ersten Toten in der Weitsprunggrube für die Einäscherung zwischengelagert werden, erreicht die Diskussion der beiden Schlusslichter über den neusten Nagellack ihren geistigen Höhepunkt.

„Meine Nägel schmecken nach Cherry!“

Mit einem betonten Zwischenruf weckt der Lehrer seinen Lauftreff zur Schlussminute noch mal auf. Und plötzlich scheinen die meisten doch noch irgendwo in ihren völlig entkräfteten Körpern auf Reserven gestoßen zu sein. Vielleicht war auch in der 1,5l Flasche, die einer der Jungs den gesamten Zeitraum mit sich herumschleppte, das gewisse Etwas für den Schlussspurt. Zum Glück hatte er die dabei.

Wer weiß, ob er nicht verdurstet wäre auf dem Rundkurs.

Aber Hauptsache bei den Accessoires herrscht auch nach den 12min weiterhin Einigkeit. Rote Gesichter, Atemlosigkeit und der Geschmack von Blut. Ach ja, so ein Alice Cooper-Test ist doch immer wieder die reinste Wonne für alle.

Und wem hat´s jetzt was gebracht?

Richtig mir und zwar eine Portion Schadenfreude.
maik

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