Eckkneipe

30:30. Kein Handballendspielstand. 30:30. Ich sollte längst im Ziel sein. 30:30min bedeutet bei den heutigen Vorleistungen noch mindestens 1min. 1min sind 60sec. 60sec bei dieser Geschwindigkeit sind keine 400m mehr. Keine 400m heißt, keine Runde mehr im Stadion. 2 Graden, 1 Kurve. Hier auf der Altstadtpassage von Spandau gibt es keine Kurven. Nur Ecken. Und solange das Ziel noch nicht ansatzweise in meinem Blickfeld ist, folgt auf diese Ecke bestimmt noch die eine oder vielleicht auch andere. Nicht mein Hut, sondern mein Lauf, der hat 3 Ecken, wenn nicht sogar noch mehr.

So viele Ecken und Kanten, dass er fast schon wieder rund ist.

Direkt vor meiner Nase läuft dieser Abdu vom OSC. Direkt vor meiner Nase. Seit bestimmt 2,36584372 Kilometer. So nah, dass ich bei jedem seiner Schritte nach seiner Schuhsohle greifen könnte und trotzdem zu weit, um ihn zu überholen. Und deshalb klebt er mir immer noch direkt auf der Brille. Und schon wieder verschwindet er. Wohin? Natürlich hinter einer Ecke. Wieder eine Ecke. Eine Ecke, aber kein Ziel. Und bei Straßenläufen gibt es eine ganz wichtige Regel:

Vertraue niemals deinen Ohren.

Wie oft habe ich schon aus der Ferne den Moderator im Zielbereich gehört und mich innerlich schon das Zielbanner passieren sehen? Zu oft.

Wenn du das Ziel zu hören glaubst, bist du weiter davon entfernt als dir lieb ist.

Und noch mal geht es scharf um eine Hausecke herum, im Zickzack über den Markplatz und dieser Abdu will und will einfach nicht näher kommen. So nahe wie ich ihm schon auf die Pelle rücke, grenzt das an sexuelle Belästigung oder Stalking. Wenn ich im Ziel bin, bekomme ich zur Teilnehmermedaille zusätzlich noch eine Unterlassungsklage in die Hand gedrückt. Kann denn niemand den Kerl einfach mal festhalten. Nur kurz, vielleicht eine Sekunde, solange bis ich auf seiner Höhe bin. Vielleicht ja nach der nächsten Ecke. Wie hieß es doch früher auf dem Bolzplatz so schön?

Drei Ecken ein Elfmeter.

Heute heißt es vielmehr: nach 99 Ecken endlich eine Zielgrade. Und man staune, plötzlich rückt der Abdu doch noch einmal näher an mich heran. 50m bis zum Ziel, keinen mehr bis zu ihm. 25m bis zum Ziel und wir beide können uns endlich mal ins Gesicht sehen. 10m bis zum Ziel und ich muss dann mal wieder weiter. Immerhin eine kleine Genugtuung an diesem Sonntag.

Manchmal sind es eben die kleinen Freuden im Leben.

maik

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