2:28:22h & die Bewältigung eines Traumas

Als psychologisches, seelisches oder mentales Trauma oder Psychotrauma (griech.: Wunde, Pl.: Traumata, Traumen) wird eine seelische Verletzung bezeichnet, welche durch die starke psychische Erschütterung aufgrund eines Erlebnisses hervorgerufen wird. Potenziell traumatisierende Ereignisse können beispielsweise Naturkatastrophen, Geiselnahme, Vergewaltigung oder Unfälle mit drohenden ernsthaften Verletzungen sein. (wikipedia.de)

 

…oder ein Marathon.

 

Völlig unbefangen, ohne zu wissen was mich auf dieser Strecke erwartet, traf ich im letzten Jahr zwei Tage vor Startschuss die Entscheidung, mich doch beim Berlin-Marathon 2011 in den Startblock zu stellen. Damals lautete die Grundidee:

 

JUST FOR FUN

 

Ich konnte ja nicht wissen, was dieser Ritt mit mir und in mir anrichten könnte. Ohne die Leidensgeschichte vom letzten Jahr neu aufzukochen, weiß ich heute, dass mich die letzten 12km aus dem Jahr 2011 noch lange ins Jahr 2012 begleitet haben. In jedem Rennen waren diese Meter präsent und zwar in der Form dieser 4 Worte:

 

ICH KOMME NICHT AN

 

Egal ob über 1000m, über 3000m oder 3000m Hindernis, mein Körper und mein Kopf waren zu keinem Rennen bereit ihre Reserven herzugeben. Damit war die Frage, WANN ICH DENN HEUTE ABKACKEN WERDE, schon vor dem Startschuss beantwortet. Nämlich gar nicht, weil man mich gar nicht erst in die Nähe dieser Klippe lassen wird. Sicherheit geht vor, aber Topleistungen sind dann leider nicht möglich.

 

WAS ALSO TUN?

 

Nichts wie ab in die Therapie. Therapie in Laufschuhen. Nicht auf der Couch, sondern auf den Straßen Berlins. Dauer der Sitzung? Rund 2,5 Stunden (wird nicht von der Krankenkasse bezahlt!). Mein Therapeut? Der Berlin Marathon 2012. Termin? Sonntag, 30.09.2012 um 9Uhr. Wo? Vom Tiergarten zum Tiergarten.

 

Und ich war da. Pünktlich. Schließlich will man seinen Therapeuten nicht warten lassen. Um 4:30Uhr war die Nacht offiziell vorbei. Dann folgten  die geübten Abläufe der letzten Wochen. Frühstücken, relaxen und ab in die Wettkampfkleidung. Alles andere war bereits erledigt. Meine Tasche war bereits gepackt und die Trinkflaschen hatte ich am Tag zuvor mit eigenen Fahnen markiert, mit Gels versehen und beim Veranstalter in vertrauensvolle Hände gegeben. Schritt für Schritt hackte ich meine TO DO LISTE ab. Es war alles erledigt und dennoch fehlte etwas an diesem Sonntagmorgen. Wochen habe ich auf diesen Tag hingearbeitet, hingefiebert und trotzdem fehlte etwas. Aber was? Gestern Abend wusste ich es dann endlich? Die Nervosität. Keine Euphorie, keine Angst, nichts dergleichen. Ein absolut gewöhnlicher Sonntag. Vor 2 Tagen raste mein Herz noch wie verrückt beim Gedanken an den Countdown vor dem Start und heute?

 

Nichts. Gelassene 90 Beats per Minute.

 

Und ohne jetzt noch weit und breit meine Emotionen aus dem Rennen hier nieder zu kritzeln, spiegelt dieses Gefühl genau meinen Lauf wieder. Keine wirklichen Hochs, dafür aber auch keine Tiefs. Ich stieg mit 17:35min für die ersten 5km ins Rennen ein und schloss mit 17:35min mein Rennen ab.  3:31min für jeden Kilometer. Mal die ein oder andere Sekunde mehr, dafür dann aber an anderer Stelle auch mal ein bisschen weniger. Zu keinem Zeitpunkt des Rennens hatte ich Zweifel an mir oder an meinem Training. Viel mehr noch, ich hatte zu keinem Zeitpunkt des Rennens die 4 Worte im Kopf, die mich nun über 1 Jahr verfolgten:

 

ICH KOMME NICHT AN

 

Ich wusste, dass ich heute keine Bäume ausreißen werde, dass meine Beine nicht in der Form sind einen Ritt in Richtung unter 2:25h zu unternehmen. Dennoch war ich mir sicher, was ich stattdessen kann und dass ich mit knapp 3:30min/km unter der Marke von 2:30h bleiben werde. Das letzte Jahr hat in mir einfach zu tiefe Wunden hinterlassen und jeder Versuch auf Teufel komm raus, hätte ein ähnliches Ende wie 2011 genommen oder vielleicht auch den Ausstieg von mir gefordert. Also entschied ich mich schon bei Kilometer 3-4 das Trauma nicht zu wiederholen und mich stattdessen zu therapieren. Und ich glaube nun, knapp 24 Stunden nach meinem Zieleinlauf, dass mir das gelungen ist.

 

Mitte/Ende Juni, nach einem sehr desolaten Wettkampf von mir, hatte ich einen meiner größten psychischen Tiefpunkte erreicht und war von dem berüchtigten Nagel für die Laufschuhe kaum noch einen Handgriff entfernt. Rund 3 Monate später beende ich einen Marathon unter 2:30h, ohne großes Leiden, mit einem breiten Grinsen auf den Lippen und der Gewissheit:

 

ES GEHT WEITER MIT MIR.

 

Vielleicht hat er ein oder andere mit mehr gerechnet, mir mehr zugetraut und die Frage nach der Zufriedenheit über meine Leistung ist natürlich berechtigt. Gestern schrieb ich immer noch JEIN mit Tendenz zu Ja. Heute  ist es ein deutliches JA mit Ausrufezeichen.

 

Der Sport zahlt nicht meine Mieten, nicht meine Einkäufe und wenn ich mal ein Laufjahr erlebe wie dieses, das Thomas Müller wohl mit MEDIUM bezeichnen würde, ja dann  hat das sicherlich auch Ursachen. Es lief nicht alles perfekt, auch in der Marathonvorbereitung nicht, Fehler aus dem Vorjahr konnte man durch Planung ausschließen, aber neue Lücken tun sich einfach immer wieder auf. Nichtsdestotrotz war diese Vorbereitung, dieser lange Zeitraum zum TAG X, für mich in diesem Jahr die beste Wahl. Ohne den Einschlag dieses Weges, gäbe es für mich keine sportliche Zukunft. Jetzt kann ich wieder auf alte Pfade zurückkehren, dabei neue Einflüsse mitbringen und schauen wie sich alles für 2013 entwickelt. Darauf freue ich mich sehr.

 

Berlin war großartig, unbeschreiblich großartig. Überall sind Menschen, rufen dir zu, treiben dich an, tragen dich ein stückweit. Meine Familie war hier, meine Mama, mein Papa und meine kleine Schwester mit Herrn Nilsson, den ich auf den letzten 8km gerne vom Fahrrad geschubst hätte und glaub mir, die Kraft hätte ich bestimmt noch gehabt. Immer wieder tauchten sie am Streckenrand auf, sprachen mir Mut zu und waren treue Begleiter auf der langen Strecke.

 

Siri und Jens, waren meine Versicherung für das gesamte Rennen, waren immer zur Stelle und wusste immer im richtigen Moment was zu sagen oder nicht zu sagen ist. An euch alle ein großes DANKE, ihr wisst nicht, was es mir bedeutet hat, dass ihr euch alle auf den Weg mit mir gemacht habt. Ich bin sehr stolz, dass ihr zu mir gehört.

 

Nun am Ende meiner Therapiesitzung fühle ich mich befreit, vielleicht sogar ein stückweit geheilt, aber das wird sich auch erst wieder am nächsten Abschnitt zwischen Start und Ziellinie beweisen. Es war nicht mein letzter Marathonausflug, soviel ist sicher. Nun aber stehen erst einmal neue Pläne und Ziele auf der Liste. An dieser Stelle noch mal allen ein großes Danke, die an mich gedacht und die mir den Start ermöglicht haben (danke Mark Milde, der Song ist in Arbeit). Fühlt euch gedrückt.

 

Euer maik

 

P.S.: hier noch meine Zwischenzeiten

KM UHRZEIT GESAMTZEIT ZWISCHENZEIT KM Geschwindigkeit

 in km/h

5 km 09:17:35 00:17:35 17:35 03:31 17.07
10 km 09:35:00 00:35:00 17:25 03:29 17.23
15 km 09:52:27 00:52:27 17:27 03:30 17.19
20 km 10:10:02 01:10:02 17:35 03:32 17.06
Halb 10:13:54 01:13:54 03:52 03:32 17.05
25 km 10:27:44 01:27:44 13:50 03:33 16.93
30 km 10:45:33 01:45:33 17:49 03:34 16.84
35 km 11:03:00 02:03:00 17:27 03:30 17.19
40 km 11:20:35 02:20:35 17:35 03:32 17.06
Finish 11:28:22 02:28:22 07:47 03:33 16.92

3 Gedanken zu „2:28:22h & die Bewältigung eines Traumas

    • Lieber Martin,
      vielen Dank. ja bei km34 war nicht so die Luft aus wie 2011 😉
      Ich hoffe es geht dir gut und du bist gesund.
      Viele Grüße
      der maik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s