Als Hase unter Füchsen (Berliner Halbmarathon 2013)

Hase beim Halbmarathon„Als mir Mark sagte, dass Maik Wollherr für das Tempo sorgen soll, habe ich erst einmal schlucken müssen.“ (Thomas D. / 6. April 2013)

Da seht ihr mal wie es mir selbst vor jedem Tempotraining geht, wenn ich in den Spiegel schaue und feststellen muss, dass der Kerl hinter der polierten Glasscheibe fürs Tempo sorgen soll. Auf Dauer macht das depressiv. Nun, wo ich seit Jahren vergeblich der besten Deutschen Frau im Marathon hinterherlaufe, ermöglicht mir das Jobcenter mit Hilfe eines Berufsgruppenwechsels  mich im Branchenbuch neu zu platzieren. Nach unzähligen zweiten Plätzen bei diversen Bewerbungen, zuletzt bei der Papstwahl, will man so meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft verbessern. Für diesen gravierenden Einschnitt in meine Arbeitnehmerkarriere hatte das Amt für mich eine 73minütige Umschulung im Rahmen des Berliner Halbmarathons arrangiert, damit ich meinen Lebenslauf nun mit folgender und vor allem korrekter Berufsbezeichnung versehen darf:

International Pacemaker im Bereich Controlling und Socialmedia

Insbesondere mein Migrationshintergrund soll mir außerdem in Zukunft bei der Vermittlung von lukrativen Jobs behilflich sein. Schließlich pflegen moderne Unternehmen die Tradition der Gastarbeit unter dem Schirm der Integration. Da stand ich also am Sonntag:

Pünktlich 15 Minuten später als gedacht, in meinem sportlichsten Sonntagsausgehanzug aus Ballonseide und natürlich mit einer kleinen Portion Aufregung in meiner Tupperbox.

vor dem StartSollte ja schließlich mein erstes Mal werden und dann auch noch vor großem Publikum, da kann man schon mal Angst haben, dass was in die Hose geht, oder? Zumindest stimmte gleich das Arbeitsklima. Blauer Himmel, Sonnenschein, eine Brise von dem, was unsere Vorfahren als Frühling bezeichnet hätten.

Das nenn ich mal Arbeitsplatz.

Neben meiner Wenigkeit hatte das Jobcenter auch noch andere Teilnehmer für diese Maßnahme eingeladen, die sich bislang vor allem mit Schwarzarbeit über Wasser gehalten haben. Mein Blick ins elitäre Zelt verriet mir, dass ich mal wieder der Dickste der geselligen Läuferrunde sein sollte. Vielleicht hatte man mich ja deshalb engagiert:

als Quotenfettsack.

Die Maßnahme selbst fing wirklich gut an. Gemeinsames Einlaufen, Erfahrungsaustausch, letzte Absprachen und dann schickte man uns auch schon los zur ersten praktischen Aufgabe:

„Laufbegleitung im Dreiergespann mit konstanter Geschwindigkeit von 3:27min pro Kilometer“

StartSchnell sortierten wir uns ein, jeder wusste spätestens nach 100m Rumgeschubse wo sein Platz ist und der WM-EXPRESS rollte ab dann unaufhaltsam durch die Innenstadt. Immer wieder der Blick auf die Uhr, ein Ohr nach hinten gerichtet, ein Auge nach rechts und eines nach vorne und in diesem Augenblick verstehe ich nun, was mein Biologielehrer in der 5ten Klasse also mit binokularem Gesichtsfeld bei Hasen meinte.

Man hat seine Augen überall nur nicht bei sich selbst.

Wo geht’s gleich um die Kurve? Vorsicht Schlagloch! Kompakt zusammen bleiben. Wind abfangen. Tempo halten. Vorsicht Schlagloch. Wo ist die Ideallinie hin? Rechts rum. Links rum. Vorsicht Handschuhe auf dem Boden.

by run2sky.comAuf eine 3:25min folgt eine 3:27min, dann wieder 3:27min und 3:21min, 17:05min durch bei 5km und der Geräuschkulisse nach zu urteilen, dürften wir den ein oder anderen Läufer mit im Schlepptau haben.  Von allen Seite ruft es „Super Anna“ oder „Los Anna, Moskau“, doch leider scheinen die Beine an diesem heutigen Tage nicht wie die Sonne zu strahlen. Bei Kilometer 12 muss ich mich selbst an meinen Ritt von vor 2 Jahren erinnern und keine 2km später sollte dann das Unternehmen PACE 4 MOSKAU dann doch schon erledigt sein.

„Jungs macht was ihr wollt“

lautete die Ansage und da ich eh irgendwie ins Ziel kommen musste, begann ich ab Ku`Damm mit einer kleinen Aufholjagd.

3:11min – 3:15min – 3:15min – 3:14min – 3:16min – 3:15 – 3:12 – 3:07

by laufen.deNach den 14km am Anfang rollen die Beine nur so vorwärts, immer wieder versuche ich den ein oder anderen noch ein Stück mitzuziehen und kann am Ende noch in 1:11:41h finishen. Mein erster Start und Zieleinlauf nach 6 Monaten, mein gelungener Abschluss der letzten 2 Wochen und mein erster Job als Tempomacher, wenn auch nicht als Glücksbringer. An dieser Stelle noch ein GUTE BESSERUNG in fetten Druckbuchstaben.

Nun wird sich zeigen, ob die Umschulung in den kommenden Wochen das gewünschte Ergebnis liefert und ich mich vielleicht in Zukunft öfter mal als Hase in einem Wald voller Füchse einbringen kann.

maik

3 Gedanken zu „Als Hase unter Füchsen (Berliner Halbmarathon 2013)

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