Erfolg vergessen?!

Luft anhalten, Zeitlupe an und Ohren auf lautlos gestellt. Zeiger scheinen urplötzlich mit dem Zifferblatt verwachsen zu sein, so filigran, so zerbrechlich in der Breite eines Wimpernschlags, dass jede nächste Bewegung ihre Umlaufbahn erschüttern könnte. Nervös zittert der Finger am Auslöser, bevor er doch letztendlich abdrückt. Festgehalten auf Zellophan mit 100 prozentiger Gänsehautgarantie über Jahrzehnte hinweg.

Der perfekte Moment.

Jeder von uns besitzt ihn. Irgendwo. Tief in einer der unzähliegen Fotoboxen unserer Hirnwindungen. Diesen kurzen , aber in sich völlig vollkommenden Augenblick, in dem sich für den Bruchteil einer Sekunde aus dem Chaos heraus alles zusammenfügt und sich aus der Tiefe der Schwärze heraus sämtliche Sterne günstig hintereinander reihen. Bei Nils Schumann war es die Zielgerade von Sydney, bei Mario Götze die Ecke des 5m Raumes in Rio.

Und bei dir?

Mein einer Schnappschuss ist lange her, zwar längst im Zeitalter der Farbfotografie, doch langsam verlieren die Pigmente des Drucks an Deckkraft. Oder darf das Zusammenspiel der Farben nie ihren Einklang verlieren? Sollten sie es vielleicht? Oder sollten wir selbst diese Momentaufnahmen aus dem Fotobuch reißen und verbrennen? Wenn man dem baldigen BVB Trainer Thomas Tuchel Glauben schenken darf, dann sind es insbesondere diese Momente, die des herausragenden und überraschenden Erfolgs, die uns so verletzlich machen, so angreifbar, so messbar. Ihre Bürde zwingt uns in die Knie, lasten Zentnerschwer auf uns, bis wir ihnen erliegen. Auf der Bahn, auf der Straße, auf dem Rasen.

Gemessen an ihnen wirken alle neuen Fotos im Album verwackelt und unscharf. Da kommt selbst jede Hilfe auf dem Pferd mit dem Namen Photoshop zu spät. Und der Finger am Auslöser zittert noch nervöser als vorher. Doch ich mag nicht vergessen. Muss ich? Hab ich nicht bislang für genau diese Momente trainiert, gearbeitet und gelebt, für die unvorhersehbaren Schnappschüsse, die ohne hinzuschauen geschossen wurden und dennoch voll ins Schwarze trafen?

„Meine ersten und letzten Ferien vergess ich nie,

ärztliche Diagnose: chronisch retroperspektiv“

Nur zu gerne schau ich alte Aufnahmen an, egal ob als Foto oder als Video, staune manchmal sehr darüber wie ich mal ausgesehen hab und was ich dabei im Stande war zu leisten. Weil genau diese Momente mich an mein Versprechen erinnern, alles mir Mögliche zu tun, um mein Bestes von mir abzuverlangen. Und dennoch weiß ich was gestern war, muss morgen nicht sein und das dieses Heute manchmal auch nur die billige Kopie eines Gestern ist, was keine Rechnungen zahlt oder Schecks deckt. Doch genau diese Hoffnung auf neue Schnappschüsse lässt mich täglich in meine Schuhe steigen.

Und bevor meine kommenden Negative auf dem Film gar nicht erst in die Entwicklung gehen oder noch vor Erreichen des Speichermediums wieder gelöscht werden, weil ich ungeduldig in der Weltgeschichte herumknipse, immer auf der Suche nach dem einen ultimativen Augenblick, dem Motiv tief in mir, was einen Ehrenplatz im Fotoalbum kriegt, bleib ich ruhig. Warte auf passendes Licht. Putze mein Objektiv. Ohne zittrige Finger am Auslöser, ohne nervös durch die Linse zu starren.

Anders als die Mädchen bei Heidi, werd ich mein neues Foto kriegen. Auf Leinwand, in 2m x 3m. Seidenmatt, in Farbe. Unvergesslich.

Maik

HIER KRIEGT IHR DEN VORTRAG VON THOMAS TUCHEL ALS MP3

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