4 Beine und ein stolzes Lächeln / DIY – Made by Wedding

auf eigenen BeinenStrahlende Kinderaugen untermalt von einem Grinsen über beide Ohren, dem man schon beim Hingucken abliest, dass so ein Lächeln kräftigen Mundwinkelmuskelkater nach sich zieht.

Und das mit Recht.

Insgesamt 4 Freitage haben acht meiner Hortgruppenkinder (vier Mädchen und vier Jungen) an ihrem Möbelstück unter dem Arbeitstitel „Ein Geburtstagsthron für die Räuber“ gearbeitet, bis sie gestern Nachmittag kurz vor Feierabend die letzte Schraube im Werkraum festzogen. Von der Idee zu den ersten Skizzen bis hin zur Umsetzung und Vollendung dieses DIY – Upcycling Projekts (Do It Yourself) hatten die Kids den Zimmermannshut auf, während ich versucht habe möglichst viele blaue Daumen und abgeschnittene Fingerkuppen zu vermeiden, zu unterstützen und aufzupassen, dass am Ende alles möglichst an der richtigen Stelle verschraubt wird.

IMG_20150522_160949Alles begann mit einer kurzen aber doch explosiven Brainstormingrunde, in der die 6 bis 8 Jahre alten Kinder ihre Ideen sammelten und sich letztendlich darauf einigten, einen Stuhl zu zimmern, auf dem das Geburtstagskind der „Räuber-Gruppe“ in Zukunft Platz nehmen darf. Grundsatzfragen wie z.B. „Wie viele Beine hat eigentlich ein Stuhl?“ und „Brauchen wir eine Rückenlehne?“ wurden vorweg geklärt, bevor der Stuhl in seiner Ursprungsform skizziert wurde. Schnell trafen sich die Kinder auf einem Nenner und erste Wünsche wurden laut wie z.B. „eine Krone soll oben drauf“ und „Armlehnen soll er auch haben“. Doch bevor sie den Bleistift gegen den Hammer tauschen konnten, wurde erst noch eine Materialliste erstellt und eine weitere Frage in den Werkraum geworfen:

„wo kriegen wir all das Holz her?“

IMG_20150522_160843Von „aus dem Wald“ bis hin zum „na aus dem Baumarkt“ waren alle Varianten dabei, bis ein Kind auf die zwei Einwegpaletten auf der Werkbank verwies, die ich zuvor beim Obsthändler besorgt hatte.

Holz von der Straße, umsonst, kostenlos und für lau.

Nach einer kurzen Einführung in Punkto Arbeitssicherheit, hatte dann aus Sicht der Kinder mein unsägliches Rumgelaber endlich ein Ende und aus „wann können wir endlich anfangen?“ wurde lautes Hämmern. Die Reihenfolge ist einfach:

Paletten zerlegen, Nägel rausschlagen, Tränen wegwischen, weil doch der Daumen unter den Hammer kam und erste Bretter abfeilen.

Ende des ersten Werkstatttages,

IMG_20150522_160832Zum zweiten Freitag brachte ich Stichsäge, Schwingschleifer und Akkubohrer mit, nachdem wir das erste Projekt „Sitzbank“ komplett mit Fuchsschwanz, Armkraft und Nägel zusammen gezimmert haben. Wenige Wochen später verzog sich das Holz in der Wärme und die glatten Nägel waren schneller wieder raus, als wir sie reingehämmert hatten. Also musste ein Upgrade her.

Gesägt wurde immer nur unter meiner direkten Aufsicht und nach jedem Vorgang, zog ich auch direkt den Stecker, um sicher zu gehen, dass am Ende auch wirklich alle Finger dran bleiben. Denn einer kommt immer auf die Idee zu probieren, was passiert, wenn man den Knopf doch drückt. Beim Schwingschleifer durften die Kinder ohne meine Hilfe ran, nachdem ich allen deutlich gemacht hab, dass das Gerät zwar laut ist und Dreck macht, aber sonst nicht viel passieren kann. Für die Kids, die zuvor noch nie mit elektrischen Maschinen im Werkraum gearbeitet haben, war diese Phase des Prozesses natürlich ein absolutes Highlight. Jedes selbst geschnittenes und geschliffenes Brett wurde hochgehalten wie die Meisterschale:

„schaut das hab ich gemacht. Ganz alleine“

IMG_20150522_160756Mir war es wichtig den Kids die Angst vor technischen Geräten zu nehmen und ihnen dabei dennoch zu vermitteln, dass sie niemals den Respekt vor ihnen verlieren dürfen. Niemand lenkt den anderen ab, jeder nimmt sich ausreichend Zeit, keiner fasst in die laufende Maschine. Und am Ende des zweiten Werkstatttages waren alle Einzelteile für den geplanten Stuhl geschnitten, geschliffen und bereit zusammengesetz zu werden. Zum ersten Mal bekam jeder der Handwerker die Vorstellung wie das Möbelstück am Ende aussehen könnte und der Satz „der Stuhl wird richtig geil“ hätte den bisherigen Arbeitstitel längst ablösen können.

Am Freitag darauf kam dann der Akkubohrer zum Einsatz, damit der ganze Laden uns nicht schon bei der ersten Geburtstagsparty auseinander fallen sollte. Wie bereits bei der Bank wurden erst die Seitenteile im Einzelnen verschraubt und dann durch die Sitzfläche fixiert. Die Frage „warum das lästige Vorbohren nötig sei?“ wurde gleich am Anfang anhand eines Beispiels beantwortet, bei welchem das Holz wegplatzte und für alle Beteiligten war klar „gut für uns, dann können wir noch mehr bohren“.

IMG_20150522_160957Mit Wasserwaage und Winkelmaß versuchten die Kids die Grundzüge der Statik einzuhalten und Loch für Loch und Schraube für Schraube stand der Stuhl am Ende des dritten Werkstatttages auf seinen eigenen vier Beinen. Noch ohne Rückenlehne, aber dennoch wurde sich schon drum gestritten, wer zuerst darauf Probe sitzen dürfe.

Ladies first.

Nach vielen Wochen hämmert nun also endlich das große Finale an der Tür. Krone aufmalen, Bretter zuschneiden, Armlehnen zuschneiden, vorbohren, Schrauben festziehen. Ein letztes Mal „ich mach“, „Nein, ich mach“, „Du hast eben schon, ich mach“ und knapp 8 Stunden Arbeitseinsatz sollten um kurz vor vier ihre Vollendung finden.

Ein Meisterwerk.

IMG_20150522_161022Nicht von Höffner, nicht von Ikea, nicht von irgendeinem anderen Möbelhaus. Holz von Berlins Straßen, gefertig von Berliner Kids für Berliner Kids. Made by Wedding. Gewachsen auf Beton.

„Schau mal, den haben wir ganz alleine gemacht“ und „der hat nichts gekostet“ betonten die Kinder immer wieder bei ihrem Weg vom Werkraum hoch in die Gruppenräume, mit einer Extrarunde über den Schulhof vorbei an allen anderen Kindern, die große Augen machen sollten.

Ich bin mächtig stolz auf die Mädchen und Jungen meiner Gruppe. So selbstständig und zielorientiert, wie sie dieses Projekt von Anfang bis Ende durchgezogen haben, hab ich selbst noch so vieles bei diesem Prozess lernen können. Natürlich steht das nächste Projekt bereits in den Startlöchern, aber vorher wird kommenden Freitag erst einmal Geburtstag gefeiert und zwar mit und auf dem „Räuber-Thron“.

Maik

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