Rücken zur Fahrtrichtung 

Wie zur Zeit, als dieser Skizzenblock des Internets seinen größten Boom erlebte, noch bevor ein stupider Sonf für Aufsehen sorgte als Hunderte Zeilen der Vergangenheit, schrieb ich die meisten meiner Texte damals im Zug zwischen Warendorf und Berlin und Berlin und Warendorf. Freitag hin. Sonntag zurück. Heute ist wieder Sonntag. Einige Jahre ist es her, dass ich mit dem Notebook auf den Knien in die Tasten haute. Heute sitze ich wieder im Zug. Nicht in Richtung Westen, sondern mit dem Rücken zur Fahrtrichtung in Richtung Osten. Nächster Halt Stendal. Endstation Berlin Ostbahnhof. Ich irgendwo dazwischen. Aus dem Notebook wurde ein Smartphone, nur die Erzählerstimme in meinem Kopf ist geblieben beim Blick durch das Fenster in die Dunkelheit. Lichter rauschen noch immer vorbei, ziehen sich als Streifen durch die Landschaft und statt OC mehr und mehr entgegen zu fahren, verschwindet der kleine Ort nun mit jeder Sekunde im Zug weiter im schwarzen Nichts. 

Seit Papa tot ist, hat mein Horizont mehr von Ostercappeln verschluckt, als ich bisher kauen konnte. Als ich mich 2010 dafür entschied nach Berlin zu ziehen, ist mit damals nicht bewusst gewesen, was ich zurücklasse oder viel mehr, was ich von mir selbst wegschiebe. Ein Jahr pendelte ich Wochenende für Wochenende zwischen der Landkarte und sehnte mich danach, nicht mehr aus dem Koffer leben zu müssen. Zwei Schlüssel, 2 Haustüren und doch kein „hier gehöre ich hin“, sondern immer zwischen „ich will hier weg“ und „ich bin immer noch zu besuch“. Aus dem „zu besuch“ wurde mittlerweile ein „hier wohne ich, hier lebe ich, hier bin ich Zuhause“ und auch die immer wiederkehrende Frage, der Zugehörigkeit hat sich verflüchtigt. Oder bloß verlagert? Ist die Frage vielleicht bloß umgezogen, hat seinen Karton und seine Kisten in die Hand genommen, um dorthin zu ziehen, wo ich ihr zuvor nie begegnet bin? 

Papas Tod hat in den Wänden meines Kopfes noch wenig Akzeptanz gefunden. Noch immer spreche ich von „ich fahre nach Hause zu meinen Eltern“ und belüge mich in einem Satz gleich zweifach. Noch immer laufen die Filme in mir rückwärts. Und auch wenn mittlerweile 17 Monate zwischen unseren letzten Worten und der heutigen Stille am Grab liegen, schaffe ich es nicht,  die Filmrolle in mir zu wechseln oder sie zumindest in die richtige Richtung laufen zu lassen. Doch ich versuchs. Und so sitze ich also entgegen der Fahrtrichtung mit Blick in Richtung Westen und fahre nach Hause und war an diesem Woche zu Besuch bei meiner Mama in Ostercappeln, auch wenn sich dieser Satz geschrieben wie gesprochen falsch anhört. Zweifach. Zweifellos.

Wenn ich das nächste Mal die Fahrtrichtung wechsel und zu Weihnachten dort bin, sind dann bereits 18 Monate vergangen und doch weiß ich schon heute, dass in dem Film in meinem Kopf ein alter Mann in blauer Sportjacke über den roten Sportplatz zum Zaun hinüberläuft. Die Füße nur minimal über dem Boden und seine Uhr in der Hand. Genau diese Sequenz lässt mich nicht los. Schwer genau diese Filmrolle zu verbrennen. Vielleicht auch unmöglich. Vielleicht auch gar nicht nötig. Oder vielmehr nicht mehr. 

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