Du fehlst

Als Siri mich eines abends im Juni verschreckt anrief und mir am Telefon mitteilte, man habe bei uns eingebrochen, liefen in meinem Kopf diverse Szenarien durch, die mich nun in unserer Wohnung erwarten könnten. Ich rechnete mich Vandalismus bis in die letzte Ecke, durchwühlten Kleiderschränken und fehlenden Habseligkeiten. Dabei besitze ich nicht mal einen Gegenstand, dessen Wert mich bei einem Diebstahl finanziell schädigen könnte. Der Fernseher ist mittlerweile bestimmt 10 Jahre alt, wiegt mehr als ein Kühlschrank und sein Bild ist ungefähr so scharf wie mein Sichtfeld ohne Brille. Die Spiegelreflexkamera ist 5 Jahre alt, wurde damals schon als „Schnapp des Tages“ abverkauft und gäbe es heutzutage am Black Friday als Giveaway gratis beim Kauf eines Duschkopfes dazu. Dass aber von diesem Gerät am Ende, mein wertvollster Besitz ausgelöst wurde, schoss mir erst beim Betreten der aufgebrochenen Wohnungstür durch den Kopf. Denn diese Kamera hatte die letzten Bilder und Videos von Papa gemacht. Zwar lag die Kamera vollkommen unberührt an ihrem gewohnten Platz, doch der Laptop mit allen Fotos und Videos war weg. Der Gegenstand, der von außen unbrauchbarer aussah als ein Sack nasse Holzkohle bei einem Grillfest, wurde gestohlen und mit ihm meine letzten Fotos und Videos von Papa und mir aus Miedzyzdroje. Noch heute oder vielmehr besonders heute schießt mir dieser Gedanke Tränen in die Augen. Für immer weg. 

Heute ist und bleibt dein Tag Papa, diesen Gedanken klaut mir keiner. Zum zweiten Mal ohne dich. Zum zweiten Mal brennt die Kerze runter bis zum Grund. Zu sagen, dass du mir fehlst, reicht im Ansatz nicht aus. Mir fehlt dein „Wollherr“ am Ende der Leitung, wenn ich dich anrief. Mir fehlt dein Rat. Mir fehlen deine Geschichten, die ich schon 100 mal zuvor von dir gehört habe. Mir fehlen deine Tipps wie „Dreh vorher die Sicherung raus, bevor du mit Strom arbeitest“ und mein damaliges Kopf schütteln am Telefon und die Bemerkung „Papa, ich bin kein Idiot“ lauten heute leise „Danke“. Du hattest übrigens Recht, wenn man bei der Arbeit mit der Flex nicht aufpasst, kann man sich den Finger abschneiden oder sogar das Bein. Mir fehlt alles an dir. Ich versuche jeden Tag erneut Fuß zu fassen und stolpere mehr, als dass ich laufe. Du wüsstest warum. Jedem Schritt fehlt Leichtigkeit. Jedem Gedanken Zuversicht. Und hätte ich nicht mit dem Trinken aufgehört, so wäre heute wieder ein guter Tag, um wieder damit anzufangen. Aber so bin ich nicht. So warst du nie. Also bleibt das Glas weiter leer. 

Die Welt dreht sich auch heute weiter und wird es auch morgen tun und in einem Jahr drücke ich sicherlich gedanklich kopieren + einfügen und hänge noch weitere Gedanken an, dir mir fehlen. Denn egal wie viele Tage vergehen oder Jahre sich zu diesen Vergangenen dazugesellen, an diesem Tag im Jahr bleibt mir nichts, als in meinem Kopf unser Fotoalbum rückwärts zu blättern. Ärztliche Diagnose „chronisch retroperspektiv“. Vermutlich habe ich das schwelgen in Nostalgie von dir.

Auch wenn du dies niemals lesen wirst, hilft es mir vielleicht, mich selbst ein bisschen mehr zu verstehen in einer Welt, die sich ohne dich doppelt so schnell dreht. 

Heute bleibt dein Tag, Papa.

Dein Maik

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