Alle Jahre wieder 

„Schatz, hast du schon den Baumschmuck vom Dachboden geholt?“ fragte Ingeborg ihren Mann Richard mit vernehmbar gereiztem Unterton in ihrer sonst so gelassenen Stimme aus der Küche heraus.

Seine Augen rollend legte Richard die Tageszeitung neben sich auf das Sofa, auf dem er eine Minute zuvor ein wenig Zeit für sich suchte, doch nur kurz fand. „Ich wollte gerade hoch, Inge“ seufzte er, während er sich mit schweren Beinen aus dem Sofa erhob und er sich gedanklich vor die Frage stellte, ob das Polster mit den Jahre an Tiefe gewonnen habe oder sein Körper an Pölsterchen. Sich mit beiden Händen den Bauch reibend entschied er sich für die in die Jahre gekommene Couch und machte sich die wenigen Treppenstufen auf den Weg nach oben, um wie in den Jahren zuvor den alten Karton mit dem Baumschmuck aus der hintersten Ecke des kalten Dachbodens zu holen. Dort wo sich die Bücher stapeln, die niemand ein zweites Mal liest, den alten Skiern der Kinder, die keiner mehr fährt und den anderen Dingen, die sich im Laufe der Zeit an einem Ort wie diesem sammeln. Schon beim Öffnen der Tür kam ihm der leichte Muff vergangener Jahre entgegen, während er verzweifelt mit dem Kopf schüttelte.“Hier könnte man auch mal wieder ausmisten“ sagte Richard halblaut zu sich selbst, als er sich seinen Weg durch das Gerümpel hindurch bahnte, ohne dabei nicht auf einen Quadratzentimeter zu treten, der nicht mit Kram bedeckt war. Genervt von dem selbstverschuldeten Chaos unter dem alten Dachstuhl, griff Richard beherzt nach dem Karton mit dem Weihachtsschmuck, als ihm die neongrünen Schnürsenkel ins Auge stachen. „Alle Jahre wieder oder was wollt ihr mir damit sagen?“ fragte sich Richard selbst, stellte den Karton noch einmal bei Seite und zog die weiß-gelben Laufschuhe aus dem Schatten der Ecke hervor. Ihr dünnes Obermaterial schimmerte auf dem dunklen Dachboden beinahe grell weiß als sammelte sich jeder Fetzen des wenigen Lichtes in ihnen. Richard klopfte die Schuhsohlen aneinander und griff mit seinen Händen in die kalten Innenseiten seiner alten Laufschuhe. „Lang ist es her, dass wir gemeinsam das Weite suchten. Da waren wir beide noch in Mode“ sprach Richard zu den Schuhen und hielt sie gegen das Licht der flackernden Glühbirne. In seinem Kopf versuchte er sich daran zu erinnern, wann er diese Treter zuletzt an seinen Füßen trug und welche Wege sie gemeinsam liefen, während er die Laufschuhe dabei durch die muffige Luft laufen ließ. 

„Findest du alles, was wir brauchen Richard oder brauchst du Hilfe?“ vergewisserte sich währenddessen Ingeborg von unten. 

„Alles in Ordnung, Inge“ antwortete Richard ihr, stellte die Schuhe oben auf den alten Karton ab und bewegte sich auf Zehenspitze den schmalen Pfad zurück, den er sich zuvor gebahnt hatte und schloss die Tür zur Unordnung des Dachbodens hinter sich. 

Am Ende der Treppe zum Erdgeschoss wartete bereits seine Frau mit verschränkten Armen und einem Blick in den Augen, der keinerlei weiterer Worte bedurft hätte. 

Bevor sie überhaupt Luft holen konnte, um ihrem Richard Feuer unterm Weihachtsbaum machen zu können, hielt er ihr die alten Laufschuhe entgegen. „Tut mir Leid, Inge, aber ich habe ein paar alte Freunde getroffen. Wir haben uns viel zu erzählen. Sei mir nicht böse, ich bin so schnell wieder zurück wie ich kann.“ kam Richard seiner Ingeborg zuvor, drückte ihr einen Kuss auf die Lippen und schlüpfte in die alten Laufschuhe. „Pass auf dich auf, Schatz“ rief ihm Ingeborg noch hinterher, bevor sie kopfschüttelnd die Tür hinter ihrem Mann schloss.

Es braucht keinerlei neue Geschenke in einer Welt, in der man mehr hat als man braucht. Es braucht nur Zeit und Menschen, um einen herum, die einem diese ab und an schenken. 

Frohe Weihnachten.

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