BoFrost

Aus dem morgendlichen Radio des kleinen Cafés in Nähe des U-Bahnhofs dudelt die Frage des WM Songs „wer friert uns diesen Moment ein?“, während eiskalte Finger vergeblich versuchen im Takt zu schnippen. Dieser Moment ist nicht bloß schockgefrostet, sondern bereits unter zentimeterdickem Gefrierbrand verpackt. Für immer. Zumindest bis zu nächsten Heizung. In Berlin könnte das Jahr gerne auf einen Monat verzichten, denn der Januar ist für jeden hier immer wieder eine Grenzerfahrung. Besonders erinnere ich mich an meinen ersten Winter hier, mittlerweile 8 Jahre her und doch noch wie frisch zwischen Kaisergemüse und Fischstäbchen im Gefrierfach konserviert. Damals lag erst Schnee, aus Schnee wurde Eis und aus Eis gebrochene Oberschenkelhälse gebrechlicher Mitbürger. Aber auch die alkoholisierten Nachbarn kippen damals zuviel Wodka auf Eis und sich gleich hinterher. Da kann so eine ungewollte Nacht im freien schon mal die Letzte gewesen sein. Dafür aber unter sternklaren Himmel. Gibt es ja in der Stadt nicht oft. Wenigstens einmal. Doch ganz im ernst. Im besagten Winter fanden Siri und ich eines Nachts einen dieser angetrunkenen Mitbürger kurz vor der Haustür im Eis. Hände blutig vom Streugut, nur mit Jeansjacke auf dem Rücken liegend, versuchte das Häufchen Elend aus der Käferposition wieder auf die Beine zu kommen. Vergebens. Wie lange er dort schon lag, wussten wir nicht. Doch wie lange es bei den Temperaturen um -15°C braucht, um dort für immer liegen zu bleiben, wussten wir. Machen wir es kurz. Wir haben den Kerl kurzerhand nach Hause gebracht. Er war Koch und wollte uns als Dank am nächsten Tag zum Essen einladen. Darauf warten wir zwar bis heute vergeblich. Aber vielleicht wäre es ja auch nur Kaisergemüse und Fischstäbchen geworden. Aus dem Gefrierfach.

Kälte kann einen fertig machen. Aber so richtig. Kälte kann einen auffressen. Mit Haut und Haaren. Kälte macht keine Gefangenen. Und wenn doch, dann für länger als nur für eine Nacht. Passt auf euch auf. 

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