Der alte Gaul / #never2old / letzter Tag


Wie alt mögen wir werden? Mit Glück vielleicht 80. Vielleicht ist auch schon zu Anfang des letzten Drittels Schluss mit lustig. Mein Papa hat die 60 knapp angerissen. Auch Siris Mama packte auf die 60 nicht mehr ganz so viele Jahre drauf. Da darf ich mir mit Anfang 30 schon mal die Frage stellen, ist hier gerade Halbzeit oder Ende des ersten Drittels? Viel zu oft warte ich. Worauf kann ich gar nicht genau beschreiben. Vielleicht auf bessere Zeiten zu besseren Zeiten. Vielleicht auf einen Anfang. Vielleicht auf ein Ende. Bis ich mich zu einer Entscheidung durchringe, braucht es mehr als eine harte Windböe am Rand des 10 Meterturms. Manchmal wünsche ich mir einen alten Gaul, der mir in Momenten der Entscheidung einen kräftigen Tritt mit dem Hinterhuf verpasst. Muss ja nicht gleich direkt in die Fresse sein, aber in den Hintern darf es schon sein. Bloß ein Schubser in die bereits gedanklich eingeschlagene Richtung. Bevor ich den Trip nach Marokko gebucht habe, tigerte ich mindestens eine Stunde in unserer Wohnung herum. Hin und her. So wie die Gedanken in meinem Kopf. Pro und Contra Listen wurden erstellt, google Bewertungen studiert und Antworten auf Fragen gesucht, die ich noch nicht einmal gestellt habe. Selbst als wir uns dann letztendlich für die Buchung entschieden haben, die Kreditkartennummer längst durchs Internet raste und die Sache fix war, quälten mich noch immer Zweifel an der Richtigkeit meiner Entscheidung. So bin ich. Leider. Ich halte einfach zu gerne an dem fest, was ich kenne. Warum dann also doch Marokko? Einfache Geschichte. Zu Jahresanfang verließ ich morgens das Haus, um zusammen mit Chris einen Morningrun abzureißen. Draußen waren es -11°C, die auf dem Hinweg mit Rückenwind nicht weh taten. Nachdem ich den Herrn Oberstudienrat dann an seiner Schule abgesetzt habe und mich für den Rückweg umdrehte, dauerte es keine 5 Minuten bis meine Finger in doppelten Handschuhen erst eiskalt und wenig später dann nicht mehr spürbar wurden. Als ich 5km vor der Haustür den Knoten meiner Hose zum Pinkeln lösen wollte, bekam ich das Teil gar nicht auf und machte mir beinahe in die Hose. Wäre sicherlich eine warme Alternative gewesen, doch fragt sich für wie lange. Zuhause angekommen war ich den Tränen vor Schmerzen nahe und das obwohl ich die Hände beinahe dauerhaft unter meine Achseln geklemmt habe auf den letzten Kilometern. Bereits da habe ich mir gesagt „Bruder, du bist zu alt für diesen Scheiß“ und habe mich ernsthaft gefragt, ob ich den Winter in meinem geliebten Szklarska Poreba überhaupt durchstehe. Die Urlaubspiraten ersparten mir die Überprüfung meiner Frage. Der Rest ist Geschichte. Jetzt wisst ihr, warum wir hier und nicht dort sind. Und diese Entscheidung war absolut richtig, schließlich kommen wir so jung wie heute morgen nicht mehr an diesen Ort zurück. Mein Gaul war also ein kalter Wintermorgen in Berlin. Nicht ganz der Tritt, den ich mir vorgestellt habe, aber den es gebraucht hat. 

Ich werde mir morgen noch mal die Zeit am Flughafen nehmen, die wichtigsten Eckpunkte der Reise und Tipps zusammenzufassen. Wir waren ganz sicher nicht das letzte Mal hier und ich warte diesmal nicht darauf, dass mir die Finger abfrieren. 

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