Der Sauna-Nazi / straight outta Misdroy / Tag 5

Ächzendes Stöhnen und das schrille pfeifen chronisch gereizter Lungenflügel kreisen in der stickigen Luft, der kleinen 6 Mann Sauna, die mit 9 Menschen ihre maximale Auslastung längst überschritten hat. Dabei ertönte die letzte Anweisung von Alfons bezüglich Zuwanderung in die Sauna doch unmissverständlich in Richtung Tür, als die letzten noch eine halbe Pobacke auf die heiße Holzbank quetschen wollten: „Is voll. Tür zu“

Alfons sitzt mit seiner Frau Bärbel, Freunde nennen sie Bärbel, und seiner zu knappen Badehose auf der untersten Bank der Sauna. Den Ofen in Reichweite, die Tür immer im Blick und die Wasserkelle für den Aufguss in der Hand.

Denn Alfons ist der Sauna-Nazi.

Schon in seiner Kleingartenanlage „Friendskolonie 88“ legt man sich besser nicht mit dem rassistischen Rentner an, der per Du mit sämtlichen Statuten und Regelwerken des Kleingartenvereins ist. „Einmal wollte doch glatt jemand hier eine 36er Hecke pflanzen. Stellen Sie sich das mal vor, eine 36er Hecke. Dabei sind nach Paragraph 31 Absatz 2 der Kleingartenvereinssatzung nur 34er erlaubt. Wie sähe das denn aus?“ Manch einer mag Alfons Charakterzüge kleinlich schimpfen, dabei ist er doch nur korrekt. 

Also kippt er direkt noch mal zwei Kellen aus dem Eimer auf den Ofen, als die letzten beiden Neuzugänge auf den billigen Saunaplätzen ihr zu schmales Handtuch für ihren zu breiten Hintern ausgelegt haben. Lautes Husten aus der obersten Reihe ignoriert er dabei gekonnt. „Selbst Schuld“ denkt er sich und schöpft noch einmal tief aus dem Eimer nach. Schließlich soll ja niemand kalte Füße bekommen. Als er noch als junger Bursche Aufgüsse im Konzentrationslager verteilte, beklagte sich auch niemand. Bis heute denkt er gerne an die Zeit zurück. Damals stand das S auf dem Kragen seiner Uniform noch nicht für Sauna, aber er nahm seinen „Job“ mindestens so ernst wie heute in der Sauna. Und das als Ehrenamtlicher. „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“ ist in Alfons Fall nicht bloß ein leerer Spruch auf einem Kalenderblatt, sondern ein Credo auf Lebenszeit. Fragen nach Gründlichkeit, stellen sich bei ihm nicht. Und so schüttet Alfons lieber noch eine Kelle nach auf den noch immer zischenden Saunaofen, schließlich gibt es für ihn nur ein Gas. Lächelnd und zufrieden lehnt er sich zurück, reibt sich seinen dicken Bauch, während die ersten ihre Segel streichen und vor Alfons Diktatur am Saunaofen kapitulieren. Dass seine Frau Bärbel bereits ohnmächtig neben ihm sitzt, ist Alfons dabei entgangen. Seine Sorge gilt weiterhin der Temperatur und dem Dampf. „Macht gefälligst die Tür zu“ dröhnt es noch mit auf dem Weg nach draußen, begleitet von lautem Zischen. Für Alfons ist noch lange nicht Schluss, schließlich ist sein Eimer immer noch halb voll.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s