Über maik wollherr

Zwischen Training und Therapie - Lauf mit mir eine Runde um den Blog

InnererKompass / straight outta Misdroy / Tag 8

Links tiefer Wald. Rechts tiefer Wald. Bäume soweit das Auge reicht. Sowohl hinter mir als auch vor mir. Von oben prasselt Regen herab und unter meinen Füßen verläuft sich jeder meiner Schritt im weichen Geläuf.

Ich habe mich verlaufen.

Verlaufen. Aber so richtig. Einmal zu schnell rechts und wieder links und wieder zweimal rechts, waren einmal links zu viel. Brot habe ich auch keines ausgestreut, vielleicht auch besser, bei den Wildschweinen, die hier durch den Wald fegen. Nun stehe ich hier im Wald von Miedzyzdroje und weiß für einen Moment nicht weiter. Absolut nicht weiter. Meine innere Kompassnadel dreht sich wild im Kreis, vor und zurück und weiß nicht wohin.

Dem Nordstern am Himmel ist die Birne durchgebrannt.

Meter für Meter sammeln sich im Nichts und je weiter ich gerade laufe, verliere ich mich selbst im Abseits der Waldwege. Keine Zeichen an den Bäumen, die mir ansatzweise eine Richtung schenken. Keine Lichtung, der ich zuvor bereits mal begegnet bin. Jeder Weg gleicht dem anderen und selbst der Versuch rückwärts zu gehen, scheitert an der letzten Abbiegung. 

Ab hier an bin ich blind.

Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren. Halte auf der Stelle an. Kehre in mich und suche nach meinem inneren Kompass. Langsam verlangsamt sich seine Nadel auf seiner Irrfahrt, verliert an Geschwindigkeit und pendelt sich gen Norden ein. Aus der Ferne ertönt das Signal eines Zuges durch die morgendliche Stille des Menschenleeren Waldes.

Dort muss ich hin.

Und so laufe ich los. Laufe meinem Norden entgegen und treffe auf die Kreuzung zurück, die ich anfangs verließ. Vertraute Bäume. Bekannte Zweige. Wege, die ich bereits belief und Wege, die mir noch bevorstehen, kreuzen sich. Mein Weg nach Hause. 

Manchmal brauch es zwei oder drei tiefe Atemzüge. Manchmal bedarf es, sich zu verlaufen, um zu wissen wohin man gehört. 

ZuZweit / straight outta Misdroy / Tag 7

Der Countdown läuft. Und ich rede nicht von den Resttagen zu den Festtagen, die uns noch hier in Miedzyzdroje bleiben, sondern von den Läufen, die mich noch in diesem Training erwarten.

20 x 300m mit Hürden 

Im Klartext 20 x hochkonzentriert über die vier 91cm Freunde, die mich durch dieses Training begleiten. Vor jeder Hürde sage ich mir immer wieder den selben Satz, den mir meine kleine Schwester Tina gestern Abend schrieb, als sie meine letzten Hürdenvideos gesehen hat

 „groß und schön, statt klein und hässlich“. 

Also raus aus dem Knick in der Hüfte, Brust raus, tief atmen, Arme stabil und über die Hürde rüber. Wieder und wieder. Gegen Wind, gegen Regen. Doch nicht alleine. Nach 100m steigt Siri mit in den Lauf ein und sorgt dafür, dass ich in der Kurve nicht einschlafe.

Dran bleiben, groß bleiben. 

Und wieder ein Lauf weniger. Aus 4 werden 8 und aus 8 werden 15. Noch 5 Stück. Hochkonzentriert. In den Pausen versuchen die Atmung zu kontrollieren und die Brille trocken zu kriegen. Die polnischen Athleten am Platz ziehen allesamt ihr Programm durch und feuern mich an.

„Hep, hep, hep i prosto“

Also wieder groß machen, Arme mitnehmen und Kopf runter gegen den Wind. Geschenkt wird heute nichts und Siri zieht auf der Innenbahn Lauf für Lauf durch. Mehr Spaß geht nicht, egal wie schwer die Beine auch eine Hürde vor Schluss sind. Wenn man gemeinsam als Paar so eine Einheit durchbringt, sich gegenseitig pushen und unterstützen kann, darf im Hintergrund gerne die Welt untergehen. Glücklich schlüpfen wir im Anschluss in warme Sachen, packen unseren Rucksack, klatschen und ab und geben uns gegenseitig das Gefühl, was uns beide so sehr an diesem Sport festhalten lässt. Ein Team. Ein Ziel. Denn zu zweit, ist  man bekanntlich weniger allein.

Wellengang / Strait outta Misdroy / Tag 6

Jede Welle, die da auf mich zu rollt, durch meine Beine hinwegschwabt und sich mit ihrer Kälte in meiner Haut festbeißt, bist du bei mir. Jede Welle, die da kommt. Jede Welle, die da geht. Jede dieser Wellen bist du.

Zwischen meinen Zehen eiskalter Sand, zwischen meinen Haaren eiskalter Wind. Doch mit jedem Schritt tiefer hinein ins grau-blaue Meer, wandelt sich jeder Gedanke an Kälte in deine Wärme um. Genau hier, wo die Möwen über meinem Kopf in Freiheit segeln, wo kein Millimeter dem anderen gleicht und sich von einem Augenblick zum nächsten neu erfindet, genau hier bist du da. Deine Wellen spülen meine Zweifel davon, waschen meinen Kopf frei und treiben mich mit neuen Mut in die richtige Spur zurück. 

Du hast mir hier in Miedzyzdroje einen Ort gezeigt, an dem ich zu mir selbst finden kann, einen Ort, an dem sich viele kleine Schritte zusammenfügen, einen Ort, an dem ich weiß, dass alles gut ist. Ein Ort, an dem du da bist. In jeder Welle. Und so stehe ich in diesem eiskalten Meer, blicke zum Horizont herunter und gleichzeitig zum Strand zurück. Vor zwei Jahren standest du noch da in deiner blauen Trainingsjacke, ein Lächeln im Gesicht und wusstest schon damals mehr, als ich bis heute. Langsam erschließen sich mir deine Gedanken, deine Ideen und deine Vorstellungen. Langsam, mit jeder neuen Welle um meine Beine. Jede Welle ein Stück mehr. Ein Stück Meer. Ein Stück mehr du. Danke Papa. 

Der Sauna-Nazi / straight outta Misdroy / Tag 5

Ächzendes Stöhnen und das schrille pfeifen chronisch gereizter Lungenflügel kreisen in der stickigen Luft, der kleinen 6 Mann Sauna, die mit 9 Menschen ihre maximale Auslastung längst überschritten hat. Dabei ertönte die letzte Anweisung von Alfons bezüglich Zuwanderung in die Sauna doch unmissverständlich in Richtung Tür, als die letzten noch eine halbe Pobacke auf die heiße Holzbank quetschen wollten: „Is voll. Tür zu“

Alfons sitzt mit seiner Frau Bärbel, Freunde nennen sie Bärbel, und seiner zu knappen Badehose auf der untersten Bank der Sauna. Den Ofen in Reichweite, die Tür immer im Blick und die Wasserkelle für den Aufguss in der Hand.

Denn Alfons ist der Sauna-Nazi.

Schon in seiner Kleingartenanlage „Friendskolonie 88“ legt man sich besser nicht mit dem rassistischen Rentner an, der per Du mit sämtlichen Statuten und Regelwerken des Kleingartenvereins ist. „Einmal wollte doch glatt jemand hier eine 36er Hecke pflanzen. Stellen Sie sich das mal vor, eine 36er Hecke. Dabei sind nach Paragraph 31 Absatz 2 der Kleingartenvereinssatzung nur 34er erlaubt. Wie sähe das denn aus?“ Manch einer mag Alfons Charakterzüge kleinlich schimpfen, dabei ist er doch nur korrekt. 

Also kippt er direkt noch mal zwei Kellen aus dem Eimer auf den Ofen, als die letzten beiden Neuzugänge auf den billigen Saunaplätzen ihr zu schmales Handtuch für ihren zu breiten Hintern ausgelegt haben. Lautes Husten aus der obersten Reihe ignoriert er dabei gekonnt. „Selbst Schuld“ denkt er sich und schöpft noch einmal tief aus dem Eimer nach. Schließlich soll ja niemand kalte Füße bekommen. Als er noch als junger Bursche Aufgüsse im Konzentrationslager verteilte, beklagte sich auch niemand. Bis heute denkt er gerne an die Zeit zurück. Damals stand das S auf dem Kragen seiner Uniform noch nicht für Sauna, aber er nahm seinen „Job“ mindestens so ernst wie heute in der Sauna. Und das als Ehrenamtlicher. „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“ ist in Alfons Fall nicht bloß ein leerer Spruch auf einem Kalenderblatt, sondern ein Credo auf Lebenszeit. Fragen nach Gründlichkeit, stellen sich bei ihm nicht. Und so schüttet Alfons lieber noch eine Kelle nach auf den noch immer zischenden Saunaofen, schließlich gibt es für ihn nur ein Gas. Lächelnd und zufrieden lehnt er sich zurück, reibt sich seinen dicken Bauch, während die ersten ihre Segel streichen und vor Alfons Diktatur am Saunaofen kapitulieren. Dass seine Frau Bärbel bereits ohnmächtig neben ihm sitzt, ist Alfons dabei entgangen. Seine Sorge gilt weiterhin der Temperatur und dem Dampf. „Macht gefälligst die Tür zu“ dröhnt es noch mit auf dem Weg nach draußen, begleitet von lautem Zischen. Für Alfons ist noch lange nicht Schluss, schließlich ist sein Eimer immer noch halb voll.  

Alte.Liebe / straight outta Misdroy / Tag 4

Jeder von uns kennt diese großen Kleinigkeiten im Leben, die unser Leben in seinem Großteil für immer verändern können. Da tritt plötzlich ein Lächeln in dein Leben, dass dich von fortan immer begleitet. Mal weniger. Mal mehr. Doch immer ein stückweit an deiner Seite, manchmal genau dann, wenn du am wenigsten damit rechnest. Schließlich ist das Leben bekanntlich keine Matheformel. 

Vor 15 Jahren trat so ein Lächeln in mein Leben, was mich bis heute immer wieder zwischen linken und rechten Ohr erwischt. Damals lief ich zum ersten Mal die Hindernisse, noch als B-Jugendlicher über die 2000m und die Devise lautete ankommen. Nach 7:14min stoppte die Uhr. Kein Ergebnis das Mut, aber Hunger nach mehr machte. Seither liebe ich diese schwarz/weißen Balken, dieses Wasserloch und die anschließend stinkenden Spikes. Jedes Mal, wenn ich über die 91cm hohen Querbalken schwebe, weiß ich, hier gehöre ich hin. Selbst nach langer Abstinenz brauchen wir beide nicht lange um zu connecten. Es ist direkt wie vor 15 Jahren. Es macht kurz Klick und wir zwei sind in unserem Element. Egal was um uns herum geschieht und in welcher Form wir uns aktuell befinden. Heute beim Training wurde mir wieder bewusst, was mich in diesem Sport am Leben hält. Temperaturen im einstelligen Bereich, Wind aus sämtlichen Himmelsrichtungen und Regen in seiner Reinform direkt vom Meer, reichen nicht aus, um mein Lächeln aus dem Gesicht zu löschen, sobald die Hindernisse auf der Bahn stehen. Und es dauert nicht lange, bis mich der alte Gedanke ereilt: Hier gehöre ich hin.

Luxusgut Einsamkeit / straight outta Misdroy / Tag 3

Wo wir auch sind und wohin wir auch gehen, sind wir umgeben von Menschen. Oder zumindest von Wesen, die so aussehen als wären sie welche. Manchmal. Manche Menschen sind uns lieb, so manche Gesellschaft genießen wir sogar. Manchmal. Manche Menschen sind uns weniger lieb, ihre Gesellschaft jedoch notwendig. Egal wo wir sind, wohin wir gehen, allein mit uns selbst sind wir selten. Und selbst, wenn uns die absolute Stille und Einsamkeit in ihre Arme schließt, freiwillig unfreiwillig, schaffen wir uns Seidenefäden nach draußen mit Hilfe des Smartphones. Manchmal zu Menschen, deren Gesellschaft uns weniger lieb ist, aber die nun mal in unserer Freundesliste kleben wie Kaugummi im Kinderhaar. Und statt uns die Zeit mit uns selbst zu nehmen, lassen wir sie uns rauben. Freiwillig unfreiwillig. 
Heute Morgen verließen wir zu zweit das Hotelzimmer, ohne viele Worte zu verlieren, trabten wir den Waldweg hinauf, als plötzlich 2 Rehe unseren Weg kreuzen wollten. Eines der Tiere hüpfte noch wenige Meter vor uns über den Pfad, das andere blieb auf der anderen Seite und bahnte sich seinen Weg durch das Unterholz. Wenige Minuten später trennen sich auch Siris und mein Wege. Und die Einsamkeit und Stille des Morgens nimmt jeden von uns in seine Arme. Freiwillig. Und mit jedem Schritt der Sonne entgegen, die durch die Äste strahlt, gewinnt die Einsamkeit um mich herum an Raum. Alte Gedanken kriegen neue Luft und neue Gedanken ihren Impuls. Plötzlich klaren Wolken im Kopf auf. Plötzlich beruhigen sich die Wellen in der Brust. Plötzlich herrscht Windstille in den Ohren. Kein Rauschen, das bleibt. Und ich genieße jeden Atemzug, der die Stille aufsaugt. Heute Morgen weiß ich, was mir in Berlin so oft fehlt. Einsamkeit. Nicht die Hilflosigkeit, weil ich nicht weiß an wen ich meine 1000 Fragen stellen soll, sondern die Ruhe in mir selbst, mit mir selbst Antworten darauf zu finden. In Gesellschaft mit mir selbst. Umgeben von mir selbst und morgendlicher Stille. Und ich genieß es. Manchmal. Mein persönlicher Luxus. 

Meer.Kraft / Straight outta Misdroy / Tag 2

Auch wenn ich in Berlin mindestens 2 mal pro Woche ausschließlich die Beine trainiere, liegt mein letztes Training mit der Langhantel dann doch noch im Jahr 2016 zurück. Um es genau zu sagen, war es ein Tag vor dem Silvesterlauf. Bei McFit sind die Langhanteln wirklich sehr lang, außerdem braucht man für das Training Platz und Ruhe und das hat man dort beides nicht, außer man trainiert nachts um halb drei. Umso besser dass wir hier in Miedzyzdroje sowohl Ruhe als auch Platz haben im Kraftraum mal die Langhantel schweben zu lassen. Heute Früh ging es dann auch direkt frisch ans Werk. 2km hin zum Stadion laufen, kurze Session, um Bauch und Rücken zu stabilisieren und ran an die Eisen. Dazu folgen dann auch noch mal paar Videos. Kniebeuge, Kreuzheben, Sprünge. Viel Dynamik, wenig Gewicht. Trotzdem waren die Beine am Ende mehr als platt. Zum Auslaufen gab es noch Rasendiagonalen. Wir haben hier nämlich einen schönen Kunstrasenplatz im Stadion, der sich für bestens für Technikläufe eignet. 

Mit wirklich festen Beinen nach dem Mittagsschlaf ging es in den Wald auf die 1350m Runde von Samstag. Hier wollte ich die Beine kontrolliert rollen lassen und die Beine nicht noch stumpfer laufen, als sie eh vom Vormittag bereits waren. 8km sollten es werden, Puls bei 160 halten und schauen, bei welcher Geschwindigkeit ich am Ende lande. Ich hätte mich mit 4 Minuten pro Kilometer zufrieden gegeben, hätte ich nach dem Laufgefühl der Aufwärmung gefragt. Nachdem der erste Kilometer aber bei 3:23min/km auslöste und auch die folgenden Kilometer knapp um und unter 3:30min/km bei 155-161 Durchschnittspuls landeten,  war ich schon vor der Laktatmessung mehr als zufrieden. Am Ende spuckte mir mein schlaues Gerät 2.0mmol/l Laktat aus. So muss es laufen. So funktioniert Ausdauersport. Man kann sich bescheißen oder es lassen. Der Weg stimmt. Den gehe ich weiter. Morgen Früh um 6:30Uhr. In diesem Sinne, gute Nacht.